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Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis (8.8.2021)

Predigt zum „Israelsonntag“ - 10. Sonntag nach Trinitatis (08.08.2021)
Pfarrer Dr. Christoph Weiling



Einmal im Jahr begeht die Kirche den Israelsonntag, um an die bleibende Verbundenheit mit dem Volk Israel zu erinnern. In diesem Jahr sind dazu die Verse 2. Mose 19,1-6 zu bedenken:

1 Auf den Tag drei Monate nach dem Auszug der Kinder Israels aus Ägypten kamen sie in die Wüste Sinai. 2 Sie brachen auf von Refidim[1] und kamen in die Wüste Sinai und lagerten in der Wüste. Dort schlug Israel das Lager auf - dem Gebirge[2] gegenüber. 3 Mose aber stieg hinauf zu Gott. Und der Herr rief ihm vom Berge aus zu: So sollst du dem Hause Jakobs sagen und künden den Kindern Israels: 4 Ihr habt selbst gesehen, was ich an Ägypten tat und wie ich euch trug auf Adlerflügeln und euch zu mir brachte. 5 Und wenn ihr jetzt aufmerksam auf meine Stimme hört und meinen Bund achtet, so werdet ihr mir unter allen Völkern eine Kostbarkeit sein. Denn die ganze Erde ist mein. 6 Ihr aber sollt mir ein Königreich von Priestern werden und ein heiliges Volk. Dies sind die Worte, die du den Kindern Israels sagen sollst.



Liebe Gemeinde!

"So wie die Schöpfung eine explosive Verneinung der Zufälligkeit des dinglichen Universums ist, so ist die Offenbarung am Sinai eine Verwerfung der Sinnlosigkeit der Geschichte."

Der jüdische Schriftsteller Maurice Samuel (1895-1972).[3]

Große Worte. Aber vielleicht gerade groß genug, um die Bedeutung der gerade gelesenen Verse herauszustreichen. Sie sind die Kernverse dessen, was wir das jüdische Alte Testament nennen. Sie sind wegweisend für das Selbstverständnis des Volkes Israel. Das Buch Exodus (auch 2. Buch Mose genannt) erzählt von der doppelten Geburt dieses Volkes. Bedeutet der Auszug aus Ägypten die physische Geburt Israels als Volk, so wird das, was jetzt am Sinai geschieht, zur spirituellen Geburt. Das Ende der Wüstenwanderung und die Errichtung der Zeltstadt auf der Hochebene am Fuße des Sinai-Gebirges[4] bilden den Auftakt einer Gotteserscheinung, die nicht mehr einer einzigen Person, sondern einem ganzen Volk gilt.
Mose ist nur der Sprecher. Aber Gottes Worte richten sich unterschiedslos an alle. Mose steigt hinauf auf den Berg. Aber Gott erhebt ihn nicht über die anderen. Sie alle - Männer, Frauen, Kinder - werden zu Priestern und zu Königen erklärt, zu einem heiligen Volk, zu einem Gott besonders kostbaren Besitz. Sie sind alle gleich - unmittelbar zu Gott.
Es ist eine Liebeserklärung, der wir da zuhören. Israel ist errettet worden, befreit worden aus dem Sklavenhaus. Es wurde von Gott auf Händen getragen - ja, mehr noch, auf Adlerflügeln getragen. Beschirmt und behütet. Eine Liebeserklärung wie ein Gedicht - in eindrücklichen Bildworten ausgesprochen. Aber Israel soll in der Beziehung zu Gott nicht rein passiv bleiben. Ein Bund wird angekündigt, den es zu achten gilt. Die Stimme Gottes will nicht ins Leere gesprochen sein, sondern Aufmerksamkeit und Resonanz finden. Was wäre eine Liebesbeziehung, die einer Einbahnstraße gliche? Sie wäre nichts wert. Daher wünscht sich unser Guter Hirte Anhänglichkeit an ihn, nicht Beliebigkeit im Handeln und Tun, sondern eine lebendige Beziehung. Das Volk soll heilig sein, das heißt: sich vom Banalen abwenden und ihm zuwenden. Sich auf ihn ausrichten. Seine Gegenwart spüren. Sie sollen Priester werden - nicht in dem Sinne freilich, dass sie sich in besondere Gewänder kleiden oder rituelle Formeln murmeln müssten, sondern in dem Sinne, dass sie Gott auch im Alltag dienen, füreinander eintreten und beten und so für andere zum Segen werden. Allein solcher Dienst an Gott verdient den Ehrennamen "Priestertum". Israel ist befreit worden, aber nicht, um jetzt nach eigenem Belieben zu leben und Eigeninteressen zu verfolgen, sondern um in der Bindung an Gott wahrhaft königlich frei zu sein. Der sich der versklavten Nation angenommen hat, möchte, dass sich diese auch seiner annimmt. Dass er zurückgewiesen wird, ist nicht vorgesehen. So ist - wie in einer Ehe zwischen zwei Partnern - die Erwählung auch immer eine Verpflichtung.
Eine Haltung, der alles egal ist, passt nicht zu einer Liebe, die vollen Einsatz verlangt. Die Liebe Gottes aber erhebt den Moment der Geschichte zu einem Augenblick der Erfüllung. Die Geschichte ist nicht länger mehr eine bloße Abfolge von Zufällen und Katastrophen. Sinn kommt hinein durch die Befreiung aus der Knechtschaft. Und Sinn wird gestiftet durch die Bindung an Gott und das Tun des Richtigen.
Das alles will mitbedacht werden, wenn vom "erwählten Volk" die Rede ist! Wir wissen, wie leicht das missverstanden werden kann. Und wie leicht daraus Vorwürfe gestrickt worden sind, dass sich da eine Nation religiös selbst überhöhe, sich von anderen absondere und für überlegen halte. Doch Gott erwählt Israel eben nicht, weil dieses Volk besondere Vorzüge hätte, sondern aus Mitleid und Barmherzigkeit mit den Versklavten. Seine Erwählung hat nichts mit Blut oder Rasse zu tun, aber alles mit seiner Fürsorge und seiner Liebe. Er schenkt Freiheit und Lebenssinn. Und Lebenssinn wirkt Lebenswillen.
Jüdisches Überleben wäre wohl in schweren Zeiten kaum möglich gewesen ohne die Überzeugung, auserwählt zu sein und in besonderer Weise Gott zugehörig. Das Wort "Segullah" (סְגֻלָּה), welches wir an dieser Stelle im hebräischen Originaltext lesen, zeichnet Israel als Kostbarkeit aus, als besonderen Schatz.[5] Aber diese Kostbarkeit liegt eben - wie bei einer echten Liebeserklärung - im Auge des Betrachters. Israel ist dem Herrn lieb, teuer, wertvoll. Aber dieser Wert hat nichts mit nationaler Größe oder äußeren Grenzen zu tun, hat überhaupt nichts mit Äußerlichkeiten zu tun, sondern liegt im Herzen Gottes beschlossen.
Hingegen ist der Bund, der im Gehorsam gegen die Gebote und im Glauben an den Herrn seine Achtung erfährt, nicht etwas, was alle anderen Völker ausschließt. Es ist ja allen die Gelegenheit gegeben, auf Gottes Worte zu hören und seine Weisungen anzunehmen. Ob Mann oder Frau, alt oder jung, reich oder arm. Allen wird die gleiche Würde gegeben - vor Gott und durch Gott selbst. Dass dies alles in der Wüste geschieht, ist ein Sinnbild und Zeichen dafür, denn in der Wüste schwanken die Grenzen. Der Horizont verschwimmt. Selbst zwischen Erde und Himmel lässt sich keine Trennlinie mehr ausmachen.
Die christliche Kirche betrachtet sich selbst als Gottes Volk aus allen Völkern. Die Erwählung durch die Liebe Gottes ist universal erweitert durch das Kreuz und die Auferstehung von Jesus Christus. Doch im Taufbund wird dasselbe zugesichert, was im Sinaibund versprochen wird: Jede und jeder wird heiliggesprochen, zur Priesterschaft bestimmt, zu einem Gott kostbaren Wesen erklärt. Wir Protestanten nennen das "das allgemeine Priestertum aller Gläubigen". Martin Luther hat es geradezu klassisch auf den Nenner gebracht: "Alle Christen sind wahrhaft geistlichen Standes, und ist unter ihnen kein Unterschied. Denn was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht sei."[6]
Der Taufbund begründet allerdings keinen Vorzug v o r Israel, sondern die gleiche Erwählung und die gleiche Verpflichtung. Vielleicht hören wir Christinnen und Christen das gerne mit der Erwählung, aber überhören dabei das mit der Verpflichtung! Dabei bleibt das "Ja", welches Gott in der Taufe zu uns spricht, unvollständig und unvollendet, wenn nicht der Getaufte mit seinem eigenen "Ja" zu Gott antwortet. Da sind wir alle auf gleiche Weise gefordert. Noch einmal Luther: " Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen."[7]
Und das wird eben dadurch konkret, dass wir uns von unseren "goldenen Kälbern" trennen, seine Weisungen heilighalten und unseren Mitmenschen nicht schaden, sondern sie fördern und alles zum Besten kehren.
Amen.



Anmerkungen:

[1] Refidim = vermutlich die heutige Oase Firan (فيران).

[2] Ich übersetze hier das hebräische Wort הַר mit "Gebirge", weil es nicht möglich ist, den Gottesberg mit einem bestimmten Gipfel zu identifizieren. Die Gleichsetzung mit dem Jabal Musa (جَبَل مُوسَىٰ‎) setzt als lokale Überlieferung erst im 4. Jahrhundert ein. Tatsächlich ragt im Sinai-Massiv weder dieser mit seinen 2285 Metern noch der Jabal Ṣafṣafa (جبل صفصافة) mit 2168 Metern oder der Jabal Katherina (جبل كاثرين‎) mit 2629 Metern exponiert hervor. Am deutlichsten von der Umgebung hebt sich noch der Safsafa ab, den die lokale Tradition mit dem Horeb gleichsetzt. Weil die Bibel den Gottesberg mit den Midianitern in Verbindung bringt, vermuten manche Ausleger, dass der historische Mose-Berg eher der Jabal el Lawz (جبل اللوز) östlich des Golfs von Akaba im heutigen Saudiarabien sein könnte. Dieser misst 2580 Meter. Doch nach der Ortsvorstellung der biblischen Texte (z.B. Num 10,29f.) liegt der heilige Berg eben nicht im Lande Midian. Von den geographischen Bedingungen her wird wegen der größeren Nähe zum Schilfmeer noch der Jabal Sin Bashar (جبل سين بشار) genannt. Dieser ist mit 615 Metern jedoch nicht gerade imposant. Auch der Jabal Serbal (جبل سربال) mit 2073 Metern wäre noch wegen der Nähe zum Wadi Firan und frühchristlicher Überlieferungen als potentieller Kandidat für den historischen Gottesberg zu erwähnen. Einen Vulkan muss man nicht suchen, denn die Beschreibungen in Ex 19,18 sind sekundäre Übertragungen des Kultus auf die Theophanie und stammen erst aus der Zeit der sog. Priesterschrift.

[3] Zitiert nach: Die Tora. In jüdischer Auslegung, Bd. II, Exodus, S. 191.

[4] Hier, auf einer Höhe von rund 1600 m befindet sich jetzt die ägyptische Stadt Saint Catherine (سانت كاترين‎). Das Klima ist dort auch im Sommer nicht zu heiß, jedoch fällt Niederschlag nur in den Wintermonaten von Dezember bis März.

[5] עם סגלה wird in der griechischen Bibel als λαὸς περιούσιος, also als "auserlesenes Volk" wiedergegeben; die lateinische Übersetzung "populus peculiaris" verweist auf das "peculium" und damit den Besitz. Luther spricht dementsprechend vom "Eigentum vor allen Völkern". Geeignete Übersetzungen des seltenen hebräischen Wortes wären ebenso "Kronschatz", "Juwel" oder "Kleinod". Im modernen Hebräisch steht das Wort auch für einen Talisman oder Glücksbringer.

[6] An den christlichen Adel deutscher Nation (1520).

[7] Kleiner Katechismus (1529).



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