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Predigten 1

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Kommunikationsstörungen

Predigt Kantate

Wer gehört eigentlich zur "Gemeinschaft der Heilig

Die Berufung der Jünger und unsere eigene Berufung

Gottes Geheimnisse, Gottes Geschichten und Gottes

Das Reich Gottes ist nicht Essen un Trinken

Zuversicht in dunken Zeiten Altjahresabend 2015

Liebe-eine christliche Antwort auf Terror 1.Adv.

Gott weiht sich uns! Er braucht keine Gotteskriege



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Kommunikationsstörungen

Kommunikationsstörungen – Predigt zum 2. Sonntag nach Trinitatis - 10. Juni 2018
Pfarrer Dr. Christoph Weiling

Der Predigttext gibt uns einen Einblick in das Gemeindeleben der Urgemeinde von Korinth. Der Apostel Paulus schreibt im 1. Brief an die Korinther, im 14. Kapitel:
1 Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet!
2 Denn wer in Zungen redet, der redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht ihn: im Geist redet er Geheimnisse.
3 Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.
20 Seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Bosheit geht; im Verstehen aber seid erwachsen.
21 Im Gesetz steht geschrieben: "Ich will in andern Zungen und mit andern Lippen reden zu diesem Volk, aber auch so werden sie nicht auf mich hören, spricht der Herr."
22 Darum ist die Zungenrede ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen; die prophetische Rede aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen.
23 Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen?
24 Wenn aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen überführt und von allen gerichtet; 25 was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.

Liebe Gemeinde!
Ohne Sprache verkümmert der Mensch. Kleine Kinder, die nicht liebevoll angesprochen werden, zu wenig mit sanften Worten ermutigt oder getröstet werden, diese Kinder werden krank und verstört.
Weil die Sprache so wichtig für uns Menschen ist, ist es ein Unheil, wenn sie ihren Dienst versagt. Sprachschwierigkeiten gibt es jedoch viele. Wir alle kennen das unangenehme Gefühl, wenn man uns missverstanden hat. In der großen Politik zwischen den Nationen kann es sogar verhängnisvoll sein, wenn Worte falsch aufgefasst werden. Da kommt es auf gute Dolmetscher an, die in verschiedenen Spra­chen reden und denken können.
Doch auch, wenn die Worte verstanden werden, bedeutet das noch nicht, dass sich auch die verstehen, die miteinander reden. Gipfelgespräche mit dem derzeitigen US-Präsidenten sind ja schlicht sinnlos, weil es keine Gesprächsbasis gibt, wo jemand nur von sich selbst überzeugt ist.
Heute reden wir, wenn Menschen sich nicht verstehen, von “Kommunikationsstörungen”. Von einem “Kommunika­tionsproblem” hätte auch Paulus sprechen können.
Denn die Gemeinde in Korinth, die er ja selber gegründet hat, steht schon nach kurzer Zeit vor einem sehr speziellen Sprachproblem. Es werden Worte geredet, die nur Auserwählte verstehen. Worte, die nicht alle erreichen. Worte, die dunkel und geheim­nisvoll bleiben.
Paulus ärgert mitunter das, was er Zungenrede nennt: Dieses merkwürdige Reden in fremden Sprachen, in “Zungen”, wie man damals sagte, in rätselhaften Lauten.
Wir müssen uns das einmal konkret vorstellen: Da sitzen die Gläubigen beisammen, singen miteinander, fallen dann aber einer nach dem anderen in Verzückung. Nun beginnen sie Gebete zum Lobpreis zu sagen, aber in abgehackten Sätzen, mit unverständlichen Tönen und Lauten. Es hört sich an wie das Lallen von Kindern. “Zungenrede” (Glossolalie) ist eine neue Art des Sprechens, irrational, aus dem Bauch kommend. Nichts für den Verstand, sondern ganz fürs Gemüt. Das Sprachgeschehen verselbständigt sich. Kinn und Zunge sind völlig gelöst. Laute werden geäußert, die der Sprechende selbst als ganz unwillkürlich hervorgebracht empfindet.
Psychologen deuten dieses Reden als eine Rückkehr zu kindlichen Sprachformen. So wie in manchen Phasen der Sprachentwicklung des Kindes die klare Wortwahl noch fehlt und dennoch Gefühlszustände deutlich wahrnehmbar mitgeteilt werden, so stellt die Zungenrede gewissermaßen eine Rückkehr zur „Kindersprache” dar. Neurologische Untersuchungen legen auch nahe, dass Menschen während der Zungenrede enthemmt sind und keine Selbstkontrolle ausüben – ganz anders als bei der Meditation.
Das Besondere an der Zungenrede wie an der Meditation ist aber sicherlich, dass die Betroffenen ihren jeweiligen Zustand als eine besondere Nähe zu Gott erleben. In der Pfingstbewegung und vielen Freikirchen gilt das Zungenreden als ein Beweis, dass Gläubige wirklich mit dem heiligen Geist erfüllt sind. Das lädt das Ganze theologisch nun sehr auf. Das Leben ohne Zungenrede könnte dann als weniger selig, weniger christlich gelten.
Unbestritten erleben viele Menschen die Zungenrede als etwas Wunderbares. Unbestritten ist auch, dass im Angesicht Gottes unsere normale Sprachfähigkeit einfach versagen muss. Gott ist größer als all unsere Worte. Und noch etwas kommt hinzu: Zungenreden macht das Beten auch für einfache Menschen möglich. Man muss keine theologische Fachsprache lernen, keine liturgischen Formeln. Zungenrede ist nicht an Bildungsvoraussetzungen gebunden, sie kommt unabhängig von sozialer oder nationaler Zugehörigkeit vor und kann insofern auch Menschen zusammenbringen und Gruppen stärken. Es verwundert daher nicht, wenn gerade in den armen Ländern dieser Erde die Pfingstkirchen sich rasant ausbreiten. Sie verleihen einfachen Menschen unabhängig von Klassen und Rassen eine gemeinsame Gebetssprache und holen so verlorenes Selbstvertrauen zurück.
Schauen wir in die Bibel, so stellen wir fest, dass die Zungenrede dreimal in der Apostelgeschichte vorkommt und gleich an mehreren Stellen in den Paulusbriefen. Paulus ist für die “Zungenredner” durchaus aufgeschlossen. Er leugnet nicht, dass es sich dabei um eine Gotteserfahrung handeln kann. Wer in “Zungenrede” verfällt und lallende Laute von sich gibt, darf sich dabei Gott besonders verbun­den fühlen. So ist die “Zungenrede” durchaus eine Gabe! Besonders, wo sie im Gottesdienst verortet ist und Gott zum Lobe geschieht.
Dennoch, und das ist das entscheidende Argument des Paulus, die “Zungenrednerei” kann Gemeinde kaputt machen: Einzelne singen sich in einen Zustand der Erleuchtung, fühlen sich durchglüht vom Geist, erleben Gott hautnah. Aber andere haben ganz und gar nichts von dieser Erfahrung.
Der Gottesdienst, so Paulus, soll verständlich sein. Logik ist ihm wichtiger als Ekstase. Die schon lange beim Christentum sind, sollen durch den Gottes­dienst ermutigt und aufgebaut werden. Und zwar nicht jeder für sich, sondern alle zusammen. Denn Gemeinde sind nicht viele Einzelchristen, sondern Gemeinde ist eine Gemeinschaft.
Deshalb gehören Achtung, Verständnis und Rücksichtnahme in eine Gemeindeversammlung, nicht Eigenlob und Stolz und Angeberei. Die “Zungenrede” könnte Eigenstolz fördern. Die Begabten könnten sich als die Besseren aufspielen. Paulus sieht die Gefahr, dass die Gemeinde dadurch zerreißt. Er sieht, dass weniger sensationelle Begabungen dann gering geschätzt oder ganz übersehen werden.
Im Gottesdienst soll verständlich gesprochen werden - und so, dass Menschen dadurch ermutigt und aufgebaut werden, gerade auch die, die sich wenig zutrauen, die in ihrem Glauben unsicher sind, die mehr praktisch als spirituell veranlagt sind. Also bitteschön Klartext!
Paulus denkt dabei auch an die noch Kirchenfernen, die Inter­essierten, die Neugierigen, die auf der Suche sind. Wer von denen in einen Gottesdienst der “Zungenredner” gerät, könnte schnell abgestoßen sein. Denn das, was dort geschieht, scheint eher nur für Eingeweihte.
Was brauchen Menschen, die neu hinzukommen? Keine Geheimsprache, sondern ein offenes, klares, natürlich auch freundliches Wort.
Belanglosigkeiten indes werden nicht reizen. Paulus stellt daher der Zungenrede nicht den langweiligen Vortrag gegenüber, sondern die Sprache der Propheten. Eine klare, deutliche Rede. Mit Inhalt. Eine Rede, die einlädt, aber auch fordert und mahnt, auch Unangenehmes aufdeckt und ausspricht. Ein Reden, welches Mut macht und Hoffnung schenkt.
Gute Prediger will Paulus, solche, die wie Propheten reden, “prophetisch reden”. Sie zieht er den “Zungenrednern” vor. Die mögen bleiben, aber im öffentlichen Gottesdienst der Gemeinde soll das verständliche Wort die Hauptsache sein, das Wort, das Beziehungen schaff­t, aufbaut, bestärkt. Ein Wort, das - aus Liebe gesagt - durchaus auch ein deutliches und klares Wort sein darf.
Nun werden wir uns vielleicht fragen, was uns das Problem der Zungenrede heute überhaupt noch angeht. Ist es nicht eher nur bei den Pfingstkirchen zu finden? Zugegeben, aber es gibt auch anders geartete Kommunikations­probleme. Denn es leidet die evangelische Kirche nicht selten an einer vergleichbaren Sprachverwir­rung – wenn auch aus anderen Ursachen. So wird von vielen einfachen Gemeindegliedern beklagt, dass Kirchenleute und Kirchenvolk oft nicht mehr die gleiche Sprache sprechen. Wir kennen den berühmten Ausspruch Martin Luthers, “dass man dem Volk aufs Maul schauen muss”. Er hat´s getan und seiner Zeit das Evangelium so gepredigt und geredet, dass es viele mit einem Mal begriffen haben.
Heute scheint die Sprache kirchlicher Ämter und Gremien manchmal zu einer Art Geheimsprache zu werden. Es ist oft eine akademische Sprache, die von normalen Menschen kaum verstanden wird. Dabei tauchen neben schweren theologischen Ausdrücken mehr und mehr Fremdworte auch aus der Wirtschafts- und Werbewelt auf. Mit einem Mal ist von “Marketing” die Rede und “Kundenorientierung”, von “Design” und “Digitalisierung”, von “profilierten Gemeinden” und “pluralen Regionen”, von “Ressourcen” und “Multiprofessionalität”.
Ich frage mich besorgt: Ist das die Sprache der Kirche mit Zukunft? Oder ist es nicht eher eine neue Art von Zungenrede?
Ich bin überzeugt: Manches lässt sich einfacher und besser sagen. Zudem wird manche Phrase als solche durchschaut werden, wenn man sie erst einmal übersetzt.
Hinzu kommt die zweite Sprachschwierigkeit: die Kluft zwi­schen den Generationen ist auch eine Sprachhürde!
Die Alten und die Jungen sprechen anders, verwenden andere Ausdrücke. Handys spielen eine wichtige Rolle, mit deren Hilfe man heute jederzeit mit jedem kommunizieren kann – die aber auch die vertrauten Gespräche von Angesicht zu Angesicht völlig blockieren können. Darum ist es dringend notwendig, dass wir in der Kirche überlegen, wie die uns aufgetragene Botschaft die jungen Leute besser erreichen kann. Hier werden wir manches überprüfen müssen, wenn wir - mit Paulus - auch an die denken, die außerhalb der Kerngemeinde stehen. Es darf auch einmal so sein, dass sich die Jungen wohlfühlen im Gottesdienst. Immerhin gibt es viele ermutigende Erfahrun­gen von Gottesdiensten, die Jugendliche und Ältere gleicherma­ßen ansprechen. Ich denke zum Beispiel an unser letztes Gemeindefest. Unser neuer Jugendreferent versteht es offenbar, die Kinder und Jugendlichen unserer Gemeinde in i h r e r Sprache anzusprechen und zu erreichen.
Die Kirche muss es dabei aber auch wagen, von G o t t zu reden, nicht von irgendwelchen Gottesgedanken, von Religion, Spiritualität oder Sinnsuche. Nur dann bleibt sie ihrem Auftrag treu. Nur dann hat sie den Menschen etwas zu sagen, was ihnen andere nicht sagen können.
Ein letzter Punkt: es gibt auch ein Kommunikationsproblem, das weniger an einzelnen Worten, als vielmehr am Sinn ganzer Sätze hängt. Menschen reden miteinander, verstehen die einzelnen Worte, aber verstehen sich doch nicht untereinander. Ein Problem, das nicht auf den Gottesdienst beschränkt ist, sondern in allen Gemeindegruppen - vom Presbyterium bis zur Krabbelgruppe - vorkommen kann.
Menschen reden manchmal nebeneinander her, statt wirklich miteinander. Die eine spricht ein sachliches Problem an, die andere empfindet es gleich als persönlichen Angriff. Oder umgekehrt: Einer wünscht eine persönliche Stellungnahme, wird aber mit Sacherwägungen abgespeist.
Sprache ist eben ein Beziehungsgeschehen - zwischen minde­stens zwei Menschen - darum gibt es eine ganze Fülle möglicher Schwierigkeiten und Missverständnisse.
Wir alle haben uns vermutlich schon einmal entschuldigen müssen mit Worten wie: “Das meinte ich doch nicht persönlich!” oder: “Ich wusste nicht, dass Ihnen das s o nahe geht!”
Paulus hat auch für solche Kommunikationsprobleme - wie für die anderen - eine Lösung. Seine Lösung heißt: Liebe.
Er sagt vor allem anderen: “Strebt der Liebe nach!” “Jagd der Liebe nach!” – wie man noch wörtlicher übersetzen kann.
“Wenn ihr all euer Reden in Liebe geschehen lasst - dann findet ihr Auswege aus euren Sprachproblemen!“ so könnte Paulus heute sprechen.
Reden in Liebe heißt: Ich bemühe mich um Worte und Aus­drücke, die der andere auch versteht. Worte, die mich als besonders klug und gebildet erscheinen lassen, sind nicht Worte mit Liebe gesprochen.
Reden in Liebe heißt zweitens: Ich bemühe mich um eine Sprache, die auch den Jungen und den Kir­chenfernen gerecht wird; denn auch ihnen gilt das Evangelium von der Gerechtigkeit und Liebe Gottes.
Reden in Liebe heißt schließlich: Ich überlege vorher, wie meine Worte wirken könnten­. Ich meide, was ver­letzen könn­te; werde­ aber auch deut­lich werden, wo es mir um die Sache zu tun ist. Denn Liebe ist Werben um den anderen, aber sie schuldet dem anderen auch Ehrlichkeit und Offen­heit.
“All euer Reden lasst in Liebe geschehen!” Im Grunde braucht es nicht mehr Worte, um den heutigen Predigttext zu erklären. Wir reden miteinander. Immer wieder. Ohne Kommunikation ist Gemeinde nicht denkbar. Auf das “Wie” freilich kommt es an!



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Predigt Kantate

Predigt über Apostelgeschichte 16,23-34 – Das Wunder des Singens
Sonntag „Kantate“ 29.04.2018, Gnadenkirche –
Predigt Pr. Hans-joachim Bolig

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.
Der Predigttext für den heutigen Sonntag Kantate steht im 16. Kapitel der Apostelgeschichte, die Verse 23-34:
23 Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen.
24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.
25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie.
26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab.
27 Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.
28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!
29 Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen.
30 Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?
31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!
32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren.
33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen
34 und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.
Liebe Gemeinde,
Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder! Der Wochenspruch für die kommende Woche lässt für heute eigentlich etwas ganz Anderes erwarten als diesen gruseligen Gefängniskrimi. Fanfaren, Posaunen, eine zusammenströmende Gemeinde in Festgewändern, die zum Lob und zu Ehren des Herrn singt.
Heute ist schließlich der Sonntag Kantate, wo die Gemeinde der Freude über ihren auferstandenen Herrn singend Ausdruck geben soll. Das haben wir ja auch schon getan und wollen es nun auch weiter tun, indem wir singend predigen (EG 577,1+2):
1. Kommt herbei, singt dem Herrn, ruft ihm zu, der uns befreit. Singend lasst uns vor ihn treten, mehr als Worte sagt ein Lied.
2. Er ist Gott, Gott für uns, er allein ist letzter Halt. Überall ist er und nirgends, Höhen, Tiefen, sie sind sein.
Stattdessen finden wir uns im Gefängnis von Philippi wieder, in das man Paulus und Silas gesteckt hatte. Und wer die Zustände in römischen Gefängnissen kennt, weiß, dass das kein Zuckerschlecken war.
Aber Paulus und Silas lobten Gott. Es gehört keine große Fantasie dazu, dass sie wahrscheinlich Psalmen gesungen haben, womöglich sogar den Psalm 46: „Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.“ Vollziehen wird das nach mit dem Lied zu Psalm 46 (EG 362,1):
1. Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen. Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen. Der alt böse Feind mit Ernst er's jetzt meint; groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist, auf Erd ist nicht seinsgleichen.
Wie kann man in dieser Situation überhaupt singen und loben? Und dann noch zu Mitternacht? Heute wir da die Polizei gerufen wegen Ruhestörung, frei nach dem Satz von Wilhelm Busch: „Musik wird störend oft empfunden, dieweil sie mit Geräusch verbunden.“
Paulus und Silas störten sich nicht daran. Sie sangen auch aus ihrer Gefängnisnot heraus, denn sie hatten in Gott eine feste Burg, worin sie geborgen waren. Und die Folgen zeigten sich sofort. Ein Erdbeben sprengte die Fesseln und Mauern. Die Türen zur Freiheit standen offen.
Ein Wunder, ein Wunder, rufen viele. Ja, die Bibel ist voll von solchen Wundern. Aber wer soll das glauben, dass Gott ständig in seine Schöpfung eingreift, ständig korrigieren muss? Heute tut er das doch auch nicht. Im Gegenteil, wir fühlen uns oft alleingelassen in der Welt.
Trotzdem ist hier ein Wunder geschehen. Wir müssen es nur an der richtigen Stelle suchen. Es ist nämlich das Wunder des Glaubens. Wer in Gott ruht, kann auch im Leid fröhlich singen, alle Last, alle Bedrängnis und alle Fesseln fallen ab. Singen schenkt eine Freiheit, die nicht mehr fliehen muss, sondern dort ausharrt, wo Gott seine Menschen haben will. Und sei es im Gefängnis, sei es in Not. Das schaffen wir nicht? Paulus und Silas konnten es. Sie hatten ein Gegenüber, das sie anriefen. Und das haben wir auch. Beten wir wie Paulus und Silas (EG 166,5):
5. Stärk in mir den schwachen Glauben, lass dein teures Kleinod mir nimmer aus dem Herzen rauben, halte mir dein Wort stets für, dass es mir zum Leitstern dient und zum Trost im Herzen grünt.
Wer Gott anruft, erfährt seine Nähe. Gott greift noch heute ein, um Menschen Kraft, Mut und Zuversicht zu geben. Und diese Gewissheit öffnet den Mund zum Singen, auch in Not und Leid. Die Klagepsalmen der Bibel geben Zeugnis davon.
Aus diesem Glauben heraus wächst die Osterfreude. Sie kommt aus der Nacht des Karfreitags heraus, aus dem tiefsten Leid, das es gibt: dem Tod. Und dieser Tod ist nun durch Jesu Auferstehung bezwungen. Er ist noch da, doch er hat seinen Schrecken verloren. Davon erzählt das Osterlachen, das den Tod auslacht, gleich, was in der Welt geschieht. Denn der Tod hat nicht mehr das letzte Wort. Davon singen unsere Osterlieder (EG 112,5)
5. Die Welt ist mir ein Lachen mit ihrem großen Zorn, sie zürnt und kann nichts machen, all Arbeit ist verlorn. Die Trübsal trübt mir nicht mein Herz und Angesicht, das Unglück ist mein Glück, die Nacht mein Sonnenblick.
Eine solche Haltung ist schwer, ich weiß. Ich scheitere auch immer wieder daran. Das Tröstliche ist aber, Gott nimmt durch Jesu Tod und Auferstehung auch unser Versagen und Scheitern in seine guten Hände. Das Osterbeben hat Mauern und Fesseln in sich zusammenfallen lassen. Das Tor aus dem Gefängnis unserer Schuld steht seitdem offen, für immer. Gehen wir hindurch?
Unsere Geschichte sagt ja. Das Wunder des Glaubens setzt sich fort. Total verängstigte, zum Selbstmord bereite Menschen lassen sich durch Ostern befreien, lassen sich taufen. So stark ist das Wunder des Glaubens, dass es andere ansteckt. Von dieser Kraft erzählen unsere Tauflieder (EG 209,1+2):
1. Ich möcht', dass einer mit mir geht, der's Leben kennt, der mich versteht, der mich zu allen Zeiten kann geleiten. Ich möcht', dass einer mit mir geht.
2. Ich wart', dass einer mit mir geht, der auch im Schweren zu mir steht, der in den dunklen Stunden mir verbunden. Ich wart', dass einer mit mir geht.
Die Geschichte von Paulus und Silas stammt mitten aus dem Leben, das Wunder vollzieht sich vor unseren Augen. Wenn wir denn richtig hinsehen. Der Glaube schlägt dann Wurzeln in unseren Herzen.
Das war nicht nur damals so, sondern geschieht auch noch heute. Ich erinnere an Martin Luther King, der vor 50 Jahren ermordet wurde. Angefeindet, verleumdet und ständig bedroht, strahlte er die Osterzuversicht aus, die ihn seine berühmteste Rede „I have a dream“ halten ließ. Diese Rede zeugt wie das Singen der Apostel von einem Menschen, der auch in Bedrängnis Freude und Zuversicht ausstrahlt.
Das lehrt uns, dass gerade Träumer und auch Sänger die Zeichen, Spuren und den Willen Gottes erkennen können. Gott hat diese Spuren gelegt, er hat seine Zeichen gesandt, und wir können sie noch heute finden. Die Zuwendung Gottes zu uns Menschen macht in Tod und Auferstehung das große Wunder des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe sichtbar.
Darum verstummt nicht, sondern singt von diesem Wunder, genau wie es der Wochenspruch sagt: Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder! Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.



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Wer gehört eigentlich zur "Gemeinschaft der Heilig

Wer gehört eigentlich zur "Gemeinschaft der Heiligen"?
Predigt zu 5. Mose 7,6-13 (6. Sonntag nach Trinitatis)
Pfarrer Dr. Weiling

Der Predigttext ist für den Sonntag der Tauferinnerung sehr passend. Denn er liest sich wie eine Predigt an frisch Getaufte. Oder an Menschen, die schon vor längerem als Kinder getauft wurden. Eine Predigt an getaufte Erwachsene. Dabei ist sie dem Alten Testament entnommen, als man von der Taufe noch gar nicht wusste. Und so lesen wir im 5. Buch Mose, Kap. 7, 6-13 die Worte:
6 Du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.
7 Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker - denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, 8 sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat.
Darum hat der HERR euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.
9 So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, 10 denen aber im Nu vergilt, die ihn hassen. Er lässt sie umkommen und zögert nicht, im Nu zu vergelten denen, die ihn hassen.
11 So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. 12 Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat, 13 und wird dich lieben und segnen und mehren.

Liebe Gemeinde!
Wisse, dass du heilig bist! Der Herr hat dich angenommen. Zu seinem Eigentum erklärt. Erwählt und berufen. Nicht aus Verdienst und Tüchtigkeit, sondern aus seiner Liebe und Barmherzigkeit.
All dies geschieht in der Taufe. Gerade die Taufe von kleinen Kindern macht es ja deutlich: Es geht nicht darum, ob wir etwas vorweisen können, sondern der Grund der Taufe ist allein die Liebe Gottes. Er liebt uns bedingungslos.
In der Geschichte Israels, und da hinein gehört ja eigentlich unser Text, ist das vorgebildet: Israel wird nicht erwählt und berufen, weil es das größte oder mächtigste Volk seiner Zeit ist. Vielmehr ist es das Kleinste und Unbedeutendste. Es wird auch nicht erwählt und berufen, weil es besonders fromm oder gläubig gewesen wäre. Vielmehr ist seine Geschichte voller Beispiele des Ungehorsams. Halsstarrig sind die Israeliten. Bald zweifeln sie an der Autorität des Mose, bald sehnen sie sich nach Ägypten zurück, bald erschaffen sie sich ihre eigenen Gottheiten.
Und dennoch bleibt die Liebe Gottes unverbrüchlich. Immer wieder kommt er auf sein Volk zurück. Immer wieder gibt er Gelegenheit zu Umkehr und Neuanfang. Immer wieder versucht er es im Guten.
Das freilich können wir wiederum auf die Taufe übertragen: Auch wir Christen können halsstarrig sein, eigene Wege gehen, verlorene Söhne und verlorene Töchter werden – aber der Taufbund bleibt von Gottes Seite bestehen. Wir müssen nicht wiedergetauft werden! Wir müssen uns nur die Vergebung neu schenken lassen - was freilich Schuldeinsicht voraussetzt. Dann aber wird das Versprechen, welches uns Gott in der Taufe gegeben hat, wieder neu in Kraft gesetzt. Er will nicht lassen von uns.
Und noch eine Parallele zwischen Israel und uns, altem und neuem Bund wird deutlich: Die Liebe Gottes soll keine Einbahnstraße sein. Wenn er uns liebt, schulden wir ihm Gegenliebe. Diese Gegenliebe aber lässt sich am besten so leben, dass wir ihn in seinen Geschöpfen und unseren Mitmenschen wiederlieben.
Als Handlungsanweisung dazu hat er Israel die 10 Gebote am Sinai gegeben. Sie gelten in gleicher Weise für uns Christen. Denn Gott lieben heißt seine Gebote halten. Und die Gebote halten bedeutet, sich daran zu halten als Wegweiser und Richtschnur. Sie erinnern, sich ins Gedächtnis rufen, sich gegenseitig dazu ermahnen. Wo wir trotz der Gebote vor einem ethischen Dilemma stehen, bleibt die Liebe als oberstes Gebot und wichtigste Richtschnur.
Die Verheißung, die Gott dem gibt, der seine Liebe bewahrt, ist sein Segen. Er will lieben, segnen und mehren.
In der Taufe kommt ein besonderer Segen hinzu. Jesus verspricht durch die Taufe, bei uns zu sein bis an der Welt Ende. Unsichtbar ist er an unserer Seite. Seine Liebe will unser Denken und Handeln bestimmen. Aber auch die Allmacht seiner Gnade bleibt wirksam.
Im Alten Testament ist noch der Gedanke der Vergeltung ausgesprochen. Gott, so scheint es, kann gar nicht anders, als Liebe mit Liebe und Hass mit Hass zu erwidern. Durch Christus wissen wir, dass Gottes Gerechtigkeit in Wahrheit größer ist. Christus bittet sogar für seine Feinde. Am Kreuz stirbt er für alle Menschen. Der Hass muss nicht bleiben! Welch ein Angebot für alle, die meinen, sie hätten sich total verrannt und würden mit Gott nicht mehr ins Reine kommen! Für Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle.
Er lässt aber auch nicht mit sich spotten: Wer sich mit bittenden Händen an ihn wendet, den wird er nicht verstoßen. Wer aber alle Fehler von sich weist und selbstgefällig den Himmel als seinen verdienten Lohn erwartet, der mag sich noch einmal sehr wundern . . .
„Du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott“ – sagt Mose zu Israel, sagt Christus in der Taufe auch zu uns. Wir greifen es auf im Glaubensbekenntnis, wenn wir die „heilige, christliche Kirche“ bekennen und die „Gemeinschaft der Heiligen“. Meist sagen wir es so dahin – ohne uns tiefe Gedanken darüber zu machen. Der eine oder andere wundert sich vielleicht sogar, was denn an der Kirche heilig sein soll. Und ob man überhaupt an eine Kirche glauben soll, ob evangelisch oder katholisch.
So ist es aber eben auch nicht gemeint, sondern das Wort „Kirche“ bezeichnet im Glaubensbekenntnis weder das Gebäude, noch die Institution, noch eine bestimmte Konfession. Das biblische Wort meint vielmehr das versammelte Volk, die Gemeinde, also das christliche Volk.
Durch die Taufe werden wir zu diesem Volk berufen, so wie Gott durch Mose sein Volk Israel berufen hat. Und wie Israel unter den Völkern ein besonderes Volk ist, so sind auch die Christen ein besonders berufenes Volk. Dazu bekennen wir uns im Glaubensbekenntnis: Gott hat uns durch die Taufe erwählt. Und eben nicht zu einem gewöhnlichen Volk, sondern zu einem „heiligen“ Volk.
Was das bedeutet, das muss allerdings erklärt werden. Aus unserem heutigen Bibeltext nehmen wir die Erkenntnis mit, dass „heilig“ offenbar nicht „groß“ oder „bedeutend“ heißen muss. Israel ist ein heiliges Volk, obwohl es klein und machtlos ist. Auch das Volk der Christen kann dem entsprechend seine „Heiligkeit“ nicht dadurch haben, dass es groß oder berühmt wäre. Die Tatsache, dass das Christentum die größte Weltreligion noch vor dem Islam ist, sagt überhaupt nichts aus in Hinblick auf das Thema „Heiligkeit“. Es könnten sogar äußerst unheilige Gedanken gehegt werden, wenn wir uns etwas einbilden würden auf unsere Bedeutung, Stärke und Zahl!
„Heilig“ werden wir – so sagt es unser Text eigentlich ganz einfach – durch die Liebe Gottes und unsere Gegenliebe zu ihm. Das macht ein heiliges Volk aus. Nicht Macht und Stärke. Nicht Rasse noch Klasse, nicht Verdienst noch Verstand, nicht Effizienz noch Erfolg.
Das Wort „Heilig“ ist seiner Herkunft nach mit dem Wort „heil“ verwandt. „Heilig“ ist, was heil und ganz ist, unversehrt, vollkommen. „Heilige Gefäße“ sollen makellos sein, „heilige Orte“ unversehrt.
Dieser umgangssprachliche Gebrauch steht uns jedoch im Wege, wenn wir auf das aus sind, was uns als Christen eigentlich heiligt. Es scheint, als gäbe es einen Fortschritt in der Heiligung: Da sind die einfachen Christenmenschen wie du und ich. Dann gibt es aber auch noch „Heilige“ im üblichen Wortsinn, die perfekter sind, vollkommener, erhabenerer, frömmer, langmütiger, sanfter, tugendhafter. Und am Ende Gott selbst, der Heilige in Vollendung, das Heilige schlechthin, das Vollkommene, das absolute, wahre und unbedingt Heilige.
Wenn in der katholischen Kirche über Seligsprechungen oder Heiligsprechungen nachgedacht wird, sind solche Gedanken nach wie vor beherrschend. Ein Heiliger muss ein vollendetes Tugendleben haben. Da ist von heroischer Tugendgröße die Rede. Und große Taten muss er auch getan haben. Am besten auch noch Wunder.
Aber ist es nicht tatsächlich so, dass die Bergpredigt eher für Wenige zu gelten scheint? Dass man ein besserer Mensch sein muss, um sie zu erfüllen? Irgendwie von der Welt abgekehrt, abgesondert und ganz Gott zugewandt?
Martin Luther freilich hat dieser Gedankenführung widersprochen. Aus gutem Grund und mit biblischen Argumenten. Da ist der verlorene Sohn, der vom Vater wieder in die Arme geschlossen wird, obwohl er alles andere als tugendhaft gelebt hat. Da ist der Zöllner, der gemeinsam mit dem Pharisäer betet, aber in seinem Gebet Gott nichts vorzuweisen hat als das Bekenntnis seiner Sünden. Und doch – so sagt Jesus – gilt er als gerechtfertigt vor Gott. Der reuige Taugenichts, nicht der fromme Tausendsassa!
Wer meint, sich durch eigene Leistungen und Taten heilig machen zu können, ist ein Scheinheiliger, da vermessen. Gott allein macht heilig.
Der Mensch aber bleibt wesentlich Mensch, solange er auf Erden ist. Dazu gehört, dass wir an Körper, Seele, Geist unvollkommen bleiben – immer angewiesen auf andere. Anfällig für Versuchungen. Und unsicher in allen Dingen, die sich mit dem Verstand nicht klipp und klar beweisen lassen.
Nun aber gibt es ohne Frage Menschen, die besonders vorbildlich sind. Menschen, die sich einbringen, ohne gleich vor anderen glänzen zu wollen. Menschen, die schon irgendwie „heiliger“ sind als andere. Menschen, an denen andere sich ein Beispiel nehmen können. Denken wir etwa an Mutter Teresa oder an Dietrich Bonhoeffer. Auch viele, die in der katholischen Kirche als Heilige verehrt werden, haben ja tatsächlich ein beachtliches Leben geführt – in Bescheidenheit und Selbsthingabe.
Liest man die Selbstzeugnisse dieser sogenannten „Heiligen“ liest, stößt man allerdings immer wieder darauf, dass sie sich selbst gar nicht als vollkommen empfunden, sich vielmehr beständig nur nach Gott und einem ihm gemäßen Leben gesehnt haben. Keiner hat je gemeint, es erreicht zu haben. Keiner hat gedacht, er sei etwas Besseres als seine Mitmenschen. Man lese nur die Tagebücher der Mutter Teresa: Sie sind sogar voll erschütternder Zweifel an Gottes Liebe, Treue und Nähe. Ja, sie fühlt sich trotz dem, was sie erreicht hat, von Gott alleingelassen und wie in einem dunklen Tunnel.
Vielleicht hilft Martin Luther auch hier weiter, weil er solches Scheitern aller Versuche der Selbstvervollkommnung (der Selbst-Maximierung würde man heute sagen) erlebt hat und daher rät, trotz aller Zweifel und Anfechtungen guter Dinge zu sein: Gott ist und bleibt dein Freund, magst du ihn wieder und wieder auch enttäuschen.
Freilich stellt Luther keinen Freibrief dafür aus, dass ja dann alles egal sei und wir uns um unsere Heiligkeit gar keine Sorgen machen müssten. Für ihn gehört schon dazu, dass nicht alles beim Alten bleibt. Weil wir das aber durch eigenen Vorsatz nicht hinbekommen, verlässt er sich auf Gottes Zutun. Und Gott selbst ist ja seit der Taufe auch so bei uns, dass er durch seinen heiligen Geist in und durch uns wirkt. Das fängt an mit der Dankbarkeit. Sie ist das erste Werk des heiligen Geistes in uns. Dankbarkeit, Herzlichkeit, das Gefühl inniger Verpflichtung – das können wir alles gar nicht willentlich in uns herstellen. Es sind Gaben. Heiligkeit ist eine Gabe, ein Geschenk.
Versuchen wir es doch einmal mit dieser Definition von Heiligkeit! Heilig können wir selbst uns nicht machen. Gottes Liebe macht uns heilig. Aber diese Liebe Gottes ist durch den Heiligen Geist in unsere Herzen hineingegeben.
Ich will zum Schluss noch einmal Martin Luther zu Worte kommen lassen, weil er das alles viel besser ausführt, als ich es kann. Er sagt:
„Die christliche Heiligkeit ist, wenn der heilige Geist den Menschen macht, also ein neues Herz, Seele, Leib, Werk und Wesen, Glauben an Christus gibt und sie dadurch heiligt, und die Gebote Gottes nicht in steinerne Tafeln, sondern in menschliche Herzen schreibt. In Bezug auf die ersten drei Gebote gibt er rechte Erkenntnis Gottes, dass sie, von ihm erleuchtet, mit rechtem Glauben allen Ketzereien widerstehen, alle falschen Gedanken und Irrtümer überwinden und damit rein im Glauben bleiben. Er gibt auch Stärke und tröstet die einfältigen, verzagten, schwachen Gewissen, damit die Seelen nicht verzagen oder verzweifeln, sondern in der Hoffnung gestärkt und getrost, keck und fröhlich den Teufel überwinden. Ebenso gibt er auch rechte Furcht und Liebe gegen Gott, dass wir Gott nicht verachten und wider ihn nicht murren noch zürnen, sondern ihn in allem lieben, loben, danken und ehren. Solches heißt ein neues, heiliges Leben in der Seele . . . Man nennt´s auch Glaube, Hoffnung, Liebe. Und der heilige Geist heißt deshalb Heiligmacher oder Lebendigmacher. …
In Bezug auf die anderen Gebote heiligt er die Christen auch und gibt, dass sie sich friedlich und demütig halten, nicht zornig noch rachgierig oder boshaft, sondern geduldig, freundlich, dienstbereit, brüderlich, liebevoll sind, … weiterhin nicht stehlen, wuchern, geizen, übervorteilen, sondern ehrlich arbeiten, sich redlich nähren, gern leihen, geben, helfen, wo sie können, ebenso nicht lügen, betrügen, verleumden, sondern gütig, wahrhaftig, treu und beständig sind, und was mehr in den Geboten Gottes gefordert wird. Solches tut der heilige Geist, der heiligt und erweckt auch den Leib zu neuem Leben. Und das heißt die christliche Heiligkeit.“ [Martin Luther: Von den Conzilijs und Kirchen (1539) - leicht gekürzt]



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Die Berufung der Jünger und unsere eigene Berufung

Die Berufung der Jünger und unsere eigene Berufung
Predigt zu Johannes 1,35-42 (5. Sonntag nach Trinitatis)
Pfarrer Dr. Weiling

Der vorgeschlagene Predigttext steht im Johannesev. Kap. 1, V. 35-42:
35 Am nächsten Tag stand dort Johannes [der Täufer] und Zweie seiner Jünger; 36 und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er zu ihnen: Siehe, das ist Gottes Lamm!
37 Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach.
38 Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi - das heißt übersetzt: Meister -, wo wirst du bleiben?
39 Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen's und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde.
40 Einer von den Zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus.
41 Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte.
42 Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kefas heißen, das heißt übersetzt: Fels.

Liebe Gemeinde,
jetzt im Sommer ist für viele junge Leute eine Zeit großer Fragen. Sie haben gerade den Schulabschluss hinter sich. Und nun fragen sie sich, wie es weitergehen soll. Die Wege sind anders als in früheren Generationen nicht mehr so klar vorgezeichnet. Alle möglichen Wege bieten sich an: eine Lehre, ein Studium oder erst einmal ein Praktikum. Berufsfindungsseminare sollen den Jugendlichen helfen, weiter zu sehen und die richtigen Weichen zu stellen. Bei manchen wird sich allerdings erst nach einigen Versuchen und wohl auch Fehlstarts zeigen, was wirklich in ihnen schlummert und welcher Beruf tatsächlich für sie infrage kommt.
Die Worte „Beruf“ und „Berufung“ hängen bekanntlich eng zusammen. Wenn sich ein Mensch in seinem Beruf wohlfühlt und er spürt, dass die Arbeit genau in diesem Umfeld das Richtige für ihn ist, dann können Beruf und Berufung auch deckungsgleich sein. Daraus ergibt sich dann oft ein erfülltes Leben: Denn zwar ist das Leben mehr als nur die Arbeit, doch diese bleibt ein wichtiger Bestandteil, um sich selbst zu erfahren und einen Sinn im Leben zu erkennen.
Nicht selten wechseln Menschen nach etlichen Jahren noch einmal den Beruf, weil sie spüren, dass die bisherige Tätigkeit nicht ihrem Wesen entspricht. Bisweilen steigen sogar hochbezahlte Manager aus ihrem Job aus, weil sie in ihrem Leben noch etwas anderes erleben wollen als die pausenlose Abfolge von Terminen oder die Jagd nach immer höheren Profiten für ein Unternehmen. Büromenschen versuchen sich als Naturburschen, wollen erfahren, dass sie auch mit der eigenen Hände Arbeit etwas schaffen können. Auch sie möchten noch etwas von ihrem Leben haben.
Für Abraham kommt der große Lebenswechsel erst mit 75 Jahren (1. Mose 12,1-4). Neuanfang im Alter. Auch das gibt es.
Die Jünger von Jesus waren wesentlich jünger, vermutlich allesamt zwischen 17 und 30. Einer war Zöllner, die Mehrzahl waren gelernte Fischer. Sie fuhren auf den See Genezareth hinaus, um dort ihre Netze auszuwerfen. Jesus lehrt sie einen neue Beruf: Menschenfischer. Ob alle in ihrem neuen Leben den alten Beruf ganz an den Nagel hängen? Ob einige am Ende nicht auch in den Fischerberuf zurückkehren? – Das bleibt offen. Religiöse Berufung und weltlicher Beruf müssen sich ja nicht ausschließen. Gott erwählt ganz gewiss nicht nur hauptamtliche Missionare.
Ganz nüchtern berichtet das Johannesevangelium von der Berufung der ersten Jünger. Wieviel spektakulärer geht es doch in anderen Evangelien zu! Dort ein wunderbarer Fischzug (Lukas 5,1-11), hier wenige Fragen und Antworten. Dort ein Abenteuer, Furcht und Schrecken; hier eine ganz unaufgeregte Geschichte.
Ich gestehe, dass mir diese Fassung nicht unsympathisch, sondern sehr sympathisch ist. Im Falle meiner eigenen Berufung wüsste ich keine Wundergeschichte zu erzählen. Und den meisten unter uns ergeht es vermutlich nicht anders. Wir können weder von vollen Netzen berichten, noch einem Sturz vom Pferde oder gar einem blendenden Licht. Eher war da einer, der wie damals Johannes der Täufer auf Jesus verwies. Einer, der – buchstäblich oder übertragen – mit ausgestrecktem Finger darauf hinwies, was dieser Jesus, dieser Mann aus Nazareth, für uns bedeuten kann.
Ich weiß nicht mehr genau: War es der Religionslehrer in der Oberstufe? Oder die Gemeindeschwester bereits in der Jungschar? Vielleicht auch das Buch, das mir die Mutter zum Geburtstag hinlegte?
Vielleicht eine Mischung aus alledem. Auf jeden Fall war ich auf die Spur gebracht. Dieser Jesus hatte mir etwas zu sagen. Und er zeigte es mir auch, denn mit seinem ganzen Leben stand er ja für das ein, was er sagte. Er war glaubwürdig.
Johannes der Täufer nennt ihn das „Lamm Gottes“. Andere nennen ihn den „Gottesknecht“. Seine Bedeutung für die Gottesfrage ging mir erst später auf. Zunächst einmal war Jesus für mich einer der wichtigsten Menschen der Weltgeschichte. Ein unübertroffenes Beispiel für Menschenliebe und Friedfertigkeit. In einer Linie mit Franz von Assisi, Gandhi oder Albert Schweitzer.
Dass in seinen Fußspuren aber niemand anders seine Spuren hinterlassen hat als Gott selbst und wir darum Gott nirgends so sicher finden können als in ihm – diese Erkenntnis kam erst später. Auch die Gewissheit, dass er mehr ist als nur eine historische Persönlichkeit, weil äußerst lebendig in seiner Gemeinde, gegenwärtig in Taufe und Abendmahl, wirksam in Vergebung und Neuanfang – auch diese Gewissheit kam sehr viel später.
Darum darf man die Berufungsgeschichte im Johannesevangelium wohl auch als eine Geschichte im Zeitraffer verstehen. Es ist eine knappe Zusammenfassung: Die Jünger bekommen den entscheidenden Hinweis, finden in Jesus sofort den Messias, und Petrus wird flugs mit dem Ehrennamen „Fels“ (hebräisch כיפא) bezeichnet.
Ganz so rasch wird das alles nicht gegangen sein. Auch die Jünger werden einige Zeit gebraucht haben, sich Jesus anzunähern. Und noch einmal mehr Zeit, ihre ersten Erfahrungen auch in Sätze zu kleiden, in allererste Glaubensbekenntnisse.
Unsere eigene Berufung mag noch ganz andere Zeiträume umfasst haben. Womöglich Jahre, sogar Jahrzehnte. Rückschläge bei dem einen, Glaubensabfall, Zweifel, neues Herantasten. Die Berufung ist nur in den allerseltensten Fällen von heute auf morgen da. Und zu jeder Berufungsgeschichte gehört wohl auch, wenn sie echt ist, eine Geschichte der Anfechtungen. Denn Glaube erspart bekanntlich nicht die schlimmen Erfahrungen. Man wird nicht immun gegen Krankheiten, nicht gefeit vor Unfällen, noch bekommt die ganze Familie gleich ein „Rundum-Sorglos-Paket“.
Die christliche Berufung bewährt sich freilich dort, wo sie hilft Niederlagen auszuhalten. Sie weiß sich den großen Lebensthemen Schuld, Versagen, Tod zu stellen. Sie bleibt nicht sprachlos. Sie weiß von Jesus, der barmherzig über unsere Sünden hinwegsieht. Sie weiß von Jesus, der den Tod überwunden hat. Sie weiß von Jesus, dass Gott uns jederzeit mit offenen Armen entgegen kommt. Da ist einer, der hat eine endlose Geduld mit dir und gibt nie die Hoffnung auf!
Ein wenig möchte ich noch verweilen bei der Berufungsgeschichte aus dem Johannesevangelium. Ich nehme Bewegungen wahr: Der Täufer steht wie im Zentrum einer Bühne. Jesus geht vorüber, die Jünger folgen ihm nach. Er wendet sich um, sieht sie folgen. Sie kommen und bleiben. Berufung erscheint als eine Suchbewegung, als eine Annäherung.
Das gilt auch für unsere eigenen Berufungsgeschichten: Irgendwann haben wir uns dem Glauben angenähert, haben Verbindung gesucht zu einer Gemeinde oder haben bestehende Kontakte vertieft. Aber solches wäre undenkbar gewesen, hätte sich nicht auch jemand zu uns umgedreht, uns angeschaut, sich um uns gekümmert mit unseren Fragen, Zweifeln, Sorgen!
In der Gemeinde ist Jesus gegenwärtig – ein wichtiger Glaubenssatz, der sich gerade hier bewähren kann. Wo sich eine oder einer uns zuwendet und anredet in der Gemeinde, mag Jesus selbst es sein, der einem Menschen seine Worte leiht und den Geist mit Herzlichkeit erfüllt. Haben wir es selbst nicht so einmal erlebt?
Da ist nichts von weltgeschichtlicher Bedeutung geschehen, kein Stern vom Himmel gefallen, kein Riss tat sich in der Erde auf, kein Dornbusch geriet in Brand – und doch ist für uns persönlich etwas von Bedeutung geschehen: Ein Mensch sah mich an, kam mir entgegen und schloss mich ins Herz.
Wie wichtig daher, wenn wir besonders auf jene zugehen, die neu in unseren Reihen sind, die nicht jeden Sonntag kommen, die uns vielleicht fremd sind! Und wie gut, dass es unserer Gemeinde Menschen gibt, die darin geübt sind, auf andere zuzugehen, ohne bevormundend oder einnehmend zu sein . . .
In der Berufungsgeschichte aus unserem Evangelium verdienen neben den Verben der Bewegung die Verben des Sprechens besondere Aufmerksamkeit. Keine Berufung ohne Worte. Das wäre kaum vorstellbar. Denn Berufung ist wesentlich „Kommunikation des Evangeliums“.
In der heutigen Geschichte wird dieses schwergewichtige Motto erstaunlich einfach buchstabiert. Kommunikation heißt zu fragen: „Was suchst du?“ Und auch: „Wo bleibst du?“
Und in den Dialogen, die sich aus solchen Fragen ergeben können, gilt es dann einladend zu sagen: „Komm und sieh!“ Und dabei dann die eigene Betroffenheit nicht auszublenden und an passender Stelle zu bekennen: „Wir haben gefunden.“
Ist das wirklich so schwer? Der Apostel Paulus sagt: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle die glauben.“ (Römer 1,16)
Warum sollten wir uns schämen? Immer wieder ergeben sich Gelegenheiten für ein Gespräch über den Glauben, das tiefer geht: Ob beim Gemeindefest bei einem Glas Bier am Stehtisch, ob unterwegs im Zugabteil, ob während der Mittagspause bei der Arbeit. Glaube drängt sich nicht auf, sondern erkundet, was andere suchen. Wo immer Menschen sich begegnen, können Fragen nach dem eigenen Lebenssinn und der eigenen Lebensaufgabe aufgeworfen werden. Und dann gilt es, nicht zu belehren oder mit festen Meinungen zu kommen, sondern sich auf ein echtes Gespräch einzulassen.
Menschen fragen manchmal sehr ausdrücklich: „Woher komme ich, wohin gehe ich, wo werde ich bleiben? Verrinnt alles wie der Sand zwischen den Fingern? Was hat Bestand?“ Das sind Fragen, die viele umtreiben. Das wird mitunter konkret: „Muss es beruflich so weitergehen? Wie steht es um meine persönlichen Beziehungen? Braucht es irgendwo eine Trennung oder einen Neuanfang?“
In all diese Fragen hinein kann die Gegenfrage Klärung bringen: „Was suchst du eigentlich?“
Und dann kann das Angebot angenommen werden: „Ich will dir von meinen Fragen erzählen, die mich beschäftigt haben. Und davon, was ich bei Jesus gefunden habe. Davon, was ich durch den Glauben an Gott gefunden habe.“
Unser Evangelium von heute erzählt eine Suchbewegung, eine Annäherung. Menschen machen sich auf einen gemeinsamen Weg. Fragen stehen im Raum. Entscheidende Hinweise werden gegeben. Menschen probieren die Antworten aus. Was sich bewährt hat, wird weitergesagt. Zunächst im Familienkreis, bei Freunden, Verwandten, Geschwistern. Das eine führt dann zum anderen.
So geschieht Berufung, so geschieht Mission. Jedenfalls nach Evangelium des Johannes. Ohne jeden Zwang. Ohne Bevormundung. Ohne Druck von außen. Glaube und Selber-Denken schließen einander gerade nicht aus.
Wir erfahren: Neue Menschen kommen so zum Christentum - nicht durch Zwangsbekehrung, nicht durch ein erdrückendes oder einschüchterndes Wunder. Sondern Menschen wenden sich einander zu und reden miteinander. Freilich nicht nur über Belanglosigkeiten, sondern über das, was unserem Leben Wert gibt – jenseits des oft gnadenlosen Weltgetriebes: die Liebe Gottes. Bei diesem Thema dürfen wir gerne und jederzeit einen ganz einfachen Luther-Satz in unsere Gespräche mit einfließen lassen, nämlich diesen:
„Sei guter Dinge und freue dich, denn Gott ist dein Freund!“



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Gottes Geheimnisse, Gottes Geschichten und Gottes



Gottes Geheimnisse, Gottes Geschichten und Gottes Gesichter
Pfarrer Dr. Weiling
Predigt zu 2. Mose 3,1-14 (Letzter Sonntag nach Epiphanias)
 
Wenn man aus dem Alten Testament die wichtigsten Geschichten auswählen würde, so würde die Geschichte für heute gewiss dazugehören. Sie stellt uns wie keine andere das Geheimnis der Existenz Gott vor Augen. Aus dem 2. Buch Mose, Kap. 3, Verse 1-14:
1 Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb.
2 Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde.
3 Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.
4 Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich.
5 Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!
6 Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.
7 Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt.
8 Und ich bin hernieder gefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land …
9 Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Not gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, 10 so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.
11 Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?
12 Er sprach: Ich will mit dir sein. Und das soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott opfern auf diesem Berge.
13 Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt! und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen?
14 Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.
 
Liebe Gemeinde,
„Ich werde sein, der ich sein werde!“ so stellt Gott sich Mose vor. אֶהְיֶה אֲשֶׁר אֶהְיֶה֑ `ähejäh `aschär `ähejäh, so klingt es im hebräischen Original – und klingt doch im Deutschen kaum weniger rätselhaft.
„Ich werde sein, der ich sein werde!“ Wir könnten auch übersetzen: „Ich werde mit dir sein in dem, was du erlebst und tust. In dem, was geschieht und mit dir passiert, wird sich zeigen, wer ich bin.“
Redet Gott da nicht in Rätseln? Fast scheint es so. Fast klingt es wie ein Worträtsel. Eine nichts und alles sagende Tautologie. Meint es eine ungebrochene Identität Gottes, dass er also immer der Gleiche bleibt, unwandelbar wie ein philosophisches Konzept, oder geht es eher um seine Beständigkeit und Treue? Redet Gott von immer währender Gegenwart oder dauernder Erreichbarkeit?
Aber Mose steht nicht vor einer Sphinx, die ihn mit Rätseln quälen will, Mose steht vor dem Herrn. Die schwebende Auskunft ist also beabsichtigt, der Name Programm. Gott ist keine Denksportaufgabe, keine Kopfnuss. Er ist ein Geheimnis! Das ist nicht dasselbe. Es bestehen wichtige Unterschiede zwischen einem Rätsel und einem Geheimnis. Ein Geheimnis hört nicht auf, ein Geheimnis zu sein, auch wenn du es wahrnimmt, wenn du ihm begegnet, wenn du davon sprichst. Das Rätsel dagegen hört auf, ein Rätsel zu sein, wenn du anfängst, es zu begreifen.
Mathematische Rätsel kann man lösen. Naturwissenschaftliche Rätsel entschlüsseln. Das Geheimnis Gottes aber bleibt ein Geheimnis.
Was uns Menschen angeht, so finden auch wir die uns angemessene Rolle im Weltgefüge, wenn wir den Unterschied von Geheimnis und Rätsel achten. Den Rätseln auf der Spur bleiben, das zeichnet uns Menschen seit jeher aus, das hat unserer Gattung einen gewaltigen Fortschritt gebracht. Vor dem Geheimnis aber sollten wir innehalten, sonst gefährden wir zugleich unsere Menschlichkeit.
Mose hält inne vor dem Geheimnis; er löst die Schuhe von den Füßen, er verhüllt sein Haupt. Gott lässt den Busch brennen. Er brennt, aber er verbrennt nicht. Warum, bleibt sein Geheimnis. Erklären wir das Ganze als Halluzination des Mose, entgeht uns wieder Wesentliches. Denn der brennende Busch teilt uns zugleich Wesentliches mit über Gottes Geheimnis. Der Busch erklärt das Geheimnis nicht, aber wir können ihn wie ein Gleichnis lesen.
Das erste, was wir sehen, ist, dass der Busch Leben bedeutet, Leben inmitten der Wüste. Woher dieses Leben kommt, warum etwas existiert und lebt, das ist ein Geheimnis. Gleichzeitig brennt der Busch. Auch das Ende des Lebens, seine Auflösung ist ein Geheimnis. Das Leben, das sich verzehrt und doch nicht aufhört, sehen wir in dem Busch vor uns. Wir sehen ein Bild für Gottes unvergängliches Leben, sehen ein Gleichnis für die Brücke zwischen Leben und Tod, Tod und Leben.
Dieses Geheimnis nehmen wir wahr. Wir staunen, wenn neues Leben beginnt, wir trauern mit großem Schmerz, wenn Leben endet. Hüten müssen wir uns, dieses Geheimnis zu einem Rätsel zu machen, es enträtseln zu wollen. Uns kommt nicht zu, die Grenze zwischen Leben und Tod aufzuheben. Gott aber hat diese Grenze aufgehoben; er hat sie für uns aufgehoben; er hat sie aufgehoben im brennenden Dornbusch, er wird sie wieder aufheben in Jesus Christus, seinem Tod und seiner Auferstehung.
Ein zweites Geheimnis nehmen wir wahr, wenn wir nicht nur sehen, sondern auch hören. Mose ist mit allen Sinnen ergriffen. Er sieht, aber er hört auch. Er hört wie eine brennende Stimme des Gewissens, dass etwas zu geschehen hat. Er hört den Ruf der Pflicht, er hört die Forderung der Gerechtigkeit: „So geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst!“
Man kann sich der Stimme widersetzen, man kann sich weigern, man wird sie dennoch hören. Es ist der Ruf der Mitmenschlichkeit. Mose windet sich, Mose verhandelt, er führt ein rechtes Zwiegespräch mit der Stimme. Aber sie geht nicht weg. Er muss ihrem Ruf gehorchen. Es ist unbedingt gültig, was die Stimme verlangt. Es gibt kein Ausweichen vor Gott.
Mose steht vor seinem Geheimnis. Begreifen will er ihn, ja, auch enträtseln. Aber er lässt sich nicht enträtseln. Er ist das gleiche unzerstörbare Leben, das von Anfang an da war. Er ist die gleiche Stimme, die bereits Abraham, Isaak und Jakob hörten. Aber er ist nicht irgendwo in Zeit und Raum gefangen, nicht vergleichbar den Göttern der Ägypter oder Kanaaniter, deren Macht begrenzt sind, die enträtselt werden können, die von Priestern gemacht sind. Er ist anders. Ganz anders. Er erschließt sich erst im Vollzog. „Ich werde sein, der ich sein werde!“ Er ist nicht fertig, nicht abgeschlossen.
Ja, was wird er denn sein? Was wird er werden? Vielleicht sollten wir zunächst einfach die Bibel selbst befragen. Denn die biblischen Geschichten dürften uns wohl die sicherste Auskunft darüber geben, als was sich Gott erweist und wie er für seine Menschen da ist:
Abraham erfährt ihn in der Nacht und in der Wüste. Er sieht ihn inmitten der Sterne am Himmel. Erfährt ihn als den, der mit ihm geht und nicht aufgeben lässt. Der ihm im Zelt besucht und sein Gast ist. Der ihm Nachkommenschaft zusagt, obwohl nach menschlichen Maßstäben nicht mehr damit zu rechnen ist.
Jakob erlebt Gott als fremden Engel, mit dem er um sein Leben ringt, der ihn gleichermaßen verwundet wie segnet. Im Schlaf steigen seine Träume eine Leiter zu Gott hinauf, verbinden Himmel und Erde und heiligen den Boden, auf dem er ruht.
Mose selbst erlebt Gott nicht nur als brennende Stimme und Feuer am Weg. Als er endlich mit seinem Volk aufbricht, sieht er eine Wolke, die ihm vorangeht. In der Nacht eine Säule aus Licht. In 10 Geboten – ins Gewissen diktiert wie in einen Felsen – offenbart ihm der Lebendige die Lebensregeln, die die Freiheit des Volks für immer bewahren sollen. Gott schenkt Wasser und Brot in der Wüste und leitet ihn bis an die äußerste Grenze. Bis dahin, wo er einen Blick hinüber werfen kann in das Land der Verheißung.
Für David ist Gott nur ein Gebet weit weg – nur ein Lied weit entfernt, wenn er mit seinem Munde Bitten, Klagen, Dank anstimmt und seine Hände dabei die Harfe spielen. Er erfährt die Liebe Gottes als größer denn alle Menschenliebe. So drängt es ihn, Gott ein Haus zu bauen, aber David muss auch lernen, dass man Gott nicht einsperren, nicht sich habhaft machen kann.
Das Volk Israel baut Gott dann doch einen Tempel, aber er bleibt nicht, sondern kommt mit nach Babel, als Jerusalem und das Heiligtum erobert werden. Gott auch in der Fremde. Untrennbar mit den Seinen verbunden. Auch in Trauer und Verlassenheit.
Davon weiß auch Hiob ein Lied zu singen, der Mann der Schmerzen, der Gottes Gerechtigkeitssinn anzweifelt, hadert, schreit, Gott herausfordert – aber dennoch mit und in allem Leid sich in der Hand seines Schöpfers weiß.
Maria erlebt Gott wieder ganz anders. Als Kind geboren im Stall, verfolgt, bedroht, auf der Flucht. Gott in die Hände der Menschen gegeben! Am Ende verraten, gelitten, gekreuzigt, gestorben – und doch nicht tot zu kriegen, auferstanden von den Toten, aufgefahren in eine neue Dimension und in ein Leben ohne Leid, Geschrei und Angst.
Die Jünger hören Gott mit Jesu Stimme sagen: „In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost. Ich habe die Welt überwunden. Ich lebe und ihr sollte auch leben.“ Zu Pfingsten tritt Gott als Geist des Lebens mitten unter ihre Gedanken und Gefühle; füllt er das Herz wieder mit Hoffnung und Liebe und wird so zum Lebenslicht inmitten der Finsternis.
Mit den Jüngern und den ersten Christen sind wir nahe bei unseren eigenen Erfahrungen und Erlebnissen mit Gott: Gott löst die Zunge. Schenkt uns neue Gedanken, einen neuen Geist. Lässt uns den Ungeist mancher Menschen und die Herzlosigkeit unserer Zeit erfahren, aber auch durchschauen und entschlossen benennen, damit wir die Hartherzigkeit der Welt überwinden. Lässt uns Feuer und Flamme sein für seine Liebe. Enthebt uns aber dabei nicht jeder Gefahr, belässt uns im Sturm, lässt uns immer wieder auch Gegenwind spüren, hadern, zweifeln. Ausschau halten nach ihm. „Ich werde sein“, sagt er. „Wirst du auch sein für mich?“ so frage ich zurück. So fragen wir. Vielleicht nicht jeden Tag. Aber immer wieder einmal.
Nein, wir haben keinen Wunscherfüller vor uns! Gott ist nicht die gute Fee aus dem Märchen. Das erkennen wir bereits an der Geschichte Israels. Gott erspart auch mir keine Enttäuschungen. In den dunklen und schweren Geschichten meines Lebens scheint er auf Distanz zu sein. Oft kann erst im Nachhinein seine bleibende Gegenwart erschlossen werden. Seine Nähe ist nicht geknüpft an Gelingen und Erfolg meinerseits, eher an Leuchten und Wärme, wo ich sie nicht mehr erwartet hatte. Ich denke an das Leuchten, das um die Hirten war, an den hellen Schein in der Finsternis des Stalles; besonders aber an den Mann, der sein irdisches Leben am Kreuz beschließt, damit wir ihn an auch unserem Kreuze finden können.
Gott verweigert sich jeder Definition. Er entzieht sich uns immer wieder. Und bleibt doch auf uns Menschen bezogen. Alle Menschen, die ernstlich mit Gott gerungen haben, erzählen auf eigene Weise eindrücklich von ihrem Schöpfer, der sie begleitet, aber nur dann da ist, wenn Er es will, der sich ihnen in seinem Mitsein und Dasein immer wieder neu und immer wieder anders manifestiert hat.
Wir denken sicherlich in diesem Jahr 2017 besonders an Martin Luther, dem in der Kirche damals ein unerreichbarer und vor allem auch ein ungnädiger Gott gepredigt worden war – und der dann zwischen den Zeilen des Römerbriefes seinen lieben Gott ganz anders entdeckte. Als einen Gott, der sich zu ihm herablässt – voller Gnade und voller Erbarmen. Bei Paul Gerhardt können wir ebenfalls viel von diesem Gott erfahren. Auch bei anderen unserer Kirchenliederdichter. Schon nahe an unserer eigenen Zeit ist Jochen Klepper, der mit der Bekennenden Kirche den Götzenbildern des Nationalsozialismus widerspricht. Und gedemütigt und entrechtet wird, weil er sich von seiner jüdischen Frau Johanna nicht trennen will. Berührend ist sein Ringen um und mit Gott, das noch spürbar ist in seinem letzten Tagebucheintrag: „Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt.“ Das Ehepaar Klepper sieht keinen anderen Ausweg mehr, den Nachstellungen der Nazis zu entgehen als den Freitod.
Gott aber sagt, dass sein Wirken über das sichtbare Leben hinausreicht. Seine Barmherzigkeit dämpft unsere Ängste. Jochen Klepper hat den Herrn so erfahren und an die Worte des Mose eigene Worte angelehnt, die uns diesen Gott zeigen, der uns Unerfindliches zumutet und doch auffängt, der nicht auf uns angewiesen ist, auf den wir aber angewiesen sind – heute und alle Tage:
 Zuflucht ist bei dem alten Gott
Und unter den ewigen Armen,
Die dich erschaffen, erhalten, geführt,
Auch wo dein Herz es nicht dankbar gespürt.
Was soll noch Sorge, Zweifel, gar Spott?
Gott will sich deiner erbarmen.
Gott hat dich erkürt.
 
Gottes Güte ist ohne Ziel.
Voll Treue sind Gottes Gedanken.
Ob sich dein Wesen gewandelt von Grund,
Ob dein Geschick sich geändert zur Stund,
Und welch ein neues Los dir auch fiel –
Gott kennt kein Weichen und Wanken.
Gott hält seinen Bund.
 
Gott ist Hilfe, Rat, Trost und Schild.
Er bleibt, der er war. Du sollst hoffen.
Ward dir der härteste Kampf auferlegt,
Traf dich auch Leid, wie noch keiner es trägt,
Und Jammer, den noch niemand gestillt –
Gott hält die Arme dir offen.
Gott heilt, die er schlägt.
 
Gottes Arme sind Halt und Rast.
Sie möchten dich liebend umfangen.
Was dich auch ängste, sie bleiben dein Hort.
Was dich auch binde, sie tragen dich fort.
Und hat die Welt dich bitter gehasst –
Gott lässt dich Frieden erlangen.
Gott gab dir sein Wort.
 
Wo die Welt nur das Ende sieht,
Lässt Gott auch die Müden beginnen.
Wer in den ewigen Armen geruht,
Wacht neu gestärkt, voller Kräfte und Mut.
Selbst wo der Kühnste zagend entflieht,
Will er die Krone gewinnen,
Das ewige Gut. 



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Das Reich Gottes ist nicht Essen un Trinken


Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken,
Predigt zu Reihe II, 18.S.nT. (25.09.2016)
Pfarrer Dr. Weiling

Der kurze Predigttext heute steht im Römerbrief, im 14. Kapitel:
17 Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist.
18 Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet.
19 Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.

Liebe Gemeinde!
„Das Reich Gottes besteht nicht in Essen und Trinken.“ - Da bleiben die Gedanken gleich hängen.
Aber Essen und Trinken hält doch Leib und Seele zusammen! möchte man einwenden. Ich persönlich schätze die französische Küche und esse gerne gut „wie Gott in Frankreich“. Lebensfreude und Genuss und das Reich Gottes – soll das etwa gar nicht zusammengehören? Auch Jesus hat gerne gegessen. Einen Fresser und Weinsäufer hat man ihn genannt, der einmal sogar Wasser in Wein verwandelt habe. Getreu dem alttestamentlichen Psalm: „Der Wein erfreue des Menschen Herz, sein Antlitz werde schön vom Öl und Brot stärke sein Herz.“ (Ps 104,15)
Paulus wirkt dagegen wie ein Kostverächter: „Das Reich Gottes besteht nicht in Essen und Trinken.“
Jesus, der Genießer - Paulus, der Asket? – Allerdings geht die Gleichung doch nicht auf, und wir würden Paulus mit einem solchen Urteil Unrecht tun.
Gerade an dieser Stelle im Römerbrief gilt wieder: Bibelverse sollte man nicht aus dem Zusammenhang reißen. Leicht können wir Sätze missverstehen, wenn wir nicht im Blick haben, wann und für wen sie geschrieben worden sind.
Zunächst einmal richtet sich der Satz: „Das Reich Gottes besteht nicht in Essen und Trinken“ gar nicht gegen das Essen und Trinken, sondern gegen Leute, die Essen und Trinken in einer ganz besonderen Weise für bedeutsam und wichtig halten. Ihrer Meinung nach bedeuten Essen und Trinken etwas Wesentliches für die Zugehörigkeit zu Gott, zum Reich Gottes. Allerdings denken sie dabei nicht an besonders herrliche Gerichte, an gute Dinge aus Gottes Garten; sondern sie denken in eine gänzlich andere Richtung. Sie haben nicht Genuss, Geschmack und Sinnesfreude vor Augen, sondern in ihrem Gewissen ein ängstliches Unwohlsein.
Paulus schreibt seinen Römerbrief an eine Gemeinde, in der es sehr viele gibt, die aus dem Judentum stammen, als Juden geboren, groß geworden und erzogen worden sind. Für jüdische Menschen spielen bis heute bestimmte Essgewohnheiten und Speisegebote eine wichtige Rolle. Schweinefleisch gilt als tabu, als unkoscher. Doch auch viele andere Gerichte werden als unrein gemieden. Hinzu kommt, dass auch die Zubereitung eine Rolle spielt. Es ist nicht nur nicht egal, was auf den Teller kommt, es ist ebenso wichtig, wie das Tier geschlachtet, das Fleisch zerlegt und zubereitet worden ist.
„Das Reich Gottes besteht nicht in Essen und Trinken“ – vor diesem Hintergrund klingt der Satz des Paulus ganz anders. Nun wirkt er nicht mehr asketisch und mahnend, sondern es steckt sehr viel Weite und Freiheit in den Worten.
„Was hat es mit dem Reich Gottes auf sich, wenn Essen und Trinken dafür ausschlaggebend wären?“ so könnte man den Satz auch als Frage wiedergeben.
„Es wäre eine Sache bloß menschlichen Tuns und Strebens, nicht mehr ein Geschenk Gottes,“ lautete die Antwort.
Doch wir sollten nicht voreilig und leichtfertig die Nase rümpfen über jene, die sich Gedanken über das Essen machen und was es für Gott bedeutet. Auch wir essen längst nicht alles. Manches, was in anderen Kulturkreisen auf den Teller kommt, wäre uns ein Gräuel. Oder mögen Sie ranzige Yak-Butter, getrocknete Ameisen, frittierte Skorpione oder frisch gehäutete Schlangen? Erziehung und Tradition entscheiden mit über den Geschmack. Und wenn gar eine religiöse Komponente hinzukommt, ist es nicht ganz unverständlich, wenn manche Menschen aus dem Essen eine Bekenntnisfrage machen.
Recht betrachtet fordert Paulus nicht einmal, dass die Strengen das aufgeben, was sie für selbstverständlich halten. Allerdings fordert er sie zu mehr Toleranz auf. Indirekt sagt er: „Wenn ihr nicht alles essen könnt und essen wollt, so dürft ihr doch dasselbe nicht von den anderen verlangen!“
Umgekehrt wendet Paulus die hier geforderte Toleranz freilich auch auf die anderen an: die Freiheitlichen, die alles essen und trinken, weil (wie Jesus gesagt hat) nichts den Menschen unrein, also für Gott unbrauchbar machen kann, was auf dem Teller liegt (Mk 7,1-23). Paulus ahnt, dass diese Haltung – so richtig sie in der Theorie auch ist – für die Praxis, für den Zusammenhalt in einer Gemeinde schwierig werden kann. So könnten die freiheitlich eingestellten Christen nämlich behaupten: „Das Reich Gottes besteht darin, dass man alles essen und trinken darf.“ Und wieder würde das Essen – nur andersherum – zur Bekenntnisfrage. Auf die strengeren Christen würde Druck ausgeübt, ihr Gewohntes aufzugeben, es würde zu Spannungen in der Gemeinde kommen, vielleicht sogar zu Spaltungen.
Diese Gefahren hat Paulus vor Augen, wenn er an die Römer schreibt, an eine Gemeinde aus Judenchristen und Heidenchristen, aus Starken und Schwachen, aus Liberalen und Strengen.
„Das Reich Gottes besteht nicht in Essen und Trinken.“ Ein Satz, der beiden Seiten gilt. Worin besteht das Reich Gottes aber dann? – Die Antwort, die Paulus gibt: „Das Reich Gottes besteht in Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist.“
Das ist zeitlos und positiv. Aber kehren wir für einen Augenblick noch einmal zum Essen zurück und denken dabei auch über andere Dinge nach! In der Kirche ist immer versucht worden, zu bestimmen, wer wie zum Reich Gottes gehört. Ein unheilvoller Versuch. Eine immerwährende Versuchung der Kirche.
Die einen haben aus Essgewohnheiten eine wichtige Zugangsvoraussetzung für das Reich Gottes machen wollen. Sie hat Paulus damals vor Augen.
Andere wollten bestimmte Feier- und Festtage eingehalten wissen. Wieder andere haben Verhaltensmaßregeln im Sinn: wie man sich zu betragen, wie man sich zu kleiden habe.
- Vielleicht haben Sie schon einmal von den Amish People in Amerika gehört. Diese strengen Christen verzichten auf Fernsehen, Autos und allen technischen Komfort, um Christus gehorsam zu sein. Sogar Reißverschlüsse sind ungehörig, Knöpfe reichen.
- Evangelikale Christen meinen, dass man wiedergeboren sein müsse, ein eigenes persönliches Christuserlebnis bekennen müsse, da man sonst nicht besser sei als die Ungläubigen.
- Sehr viele Christen beider Konfessionen würden vermutlich die 10 Gebote nennen als etwas, woran sich ein Christ halten müsse, um in den Himmel zu kommen.
Jesus, Paulus und nach ihnen am eindeutigsten Martin Luther haben dem Reich Gottes eine andere, eine größere Bahn bauen wollen. Eine Bahn nicht von den Menschen und ihren Bemühungen her, sondern von Gott und seiner Barmherzigkeit her. In der Geschichte vom verlorenen Sohn kommt der Vater dem Sohn entgegen (Lk 15,20). Essen und Trinken werden hier übrigens zu Sinnbildern der Freude in Gottes Reich: „Lasst uns essen und fröhlich sein!“ (Lk 15,23)
Doch auch Paulus sagt: Wer nach Gottes Gerechtigkeit trachtet, der erreicht sie gerade nicht, sondern nur der, der sich Gottes Gerechtigkeit schenken lässt.
Alle Ess- und Speisegebote, Festtagsbräuche und Reinheitssitten Israels kannte der Apostel auswendig, doch als Weg zu Gott waren sie ihm ein Irrweg. Das gilt bis heute für die Anhänger jeder Religion: Wer sich und andere an beobachtbaren äußerlichen Dingen misst wie zum Beispiel gottesdienstlichen Gewändern oder bestimmten Gebetshaltungen, der hat Gottes Wege noch gar nicht verstanden. In Gottes Reich gibt es keine Verdienstorden und keine Noten für gutes Betragen.
„Das Reich Gottes besteht in Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist,“ sagt Paulus stattdessen. Das Reich Gottes ist in erster Linie ein Geschenk, eine Gabe Gottes. Auch alles, was wir tun, was wir daran mitarbeiten: es ist recht betrachtet ein Geschenk, eine Wirkung göttlichen Geistes, göttlicher Kraft in uns!
Paulus sagt dennoch sehr anschaulich, was das Reich Gottes ausmacht und kennzeichnet. Es ist nicht eine rein jenseitige Größe. Das Reich Gottes fängt bereits hier an – und zwar wo Gerechtigkeit, Friede und Freude spürbar sind und gelingen. Wie im Senfkorngleichnis von Jesus wird das hier auf der Erde immer nur keimhaft, in Anfängen geschehen; aber es ist auch in solchen Anfängen schon Gottes ganze Liebe, sein ganzer starker Wille spürbar, dass die Schöpfung und wir Menschen in ihr vollendet werden.
„Das Reich Gottes besteht in Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist.“ Das bedeutet auch, dass Essen und Trinken und alles andere gar nicht ausgeschlossen sind aus dem Reich Gottes. Nur eben darauf kommt es an, dass das Essen auf dieser Welt gerecht geteilt wird, dass die Menschen am Tisch in Frieden beieinander sitzen und ihre Freude an dem Miteinander echt und ungeheuchelt ist. Dann kann auch das Essen und Trinken viel, sehr viel von Gottes Reich spüren lassen, im wahrsten Sinne einen Vorgeschmack darauf abgeben.
Und wenn dies so geschieht, führt Paulus weiter aus, dann ist das allerdings „Gott wohlgefällig“ und es wird auch von den Menschen geachtet. Denn Harmonie, Liebe und ein aufrichtiges Miteinander werden immer auch anziehend, werden auf geheime Sehnsüchte wie Magneten wirken.
Doch auch in der Kirche sind wir nur Menschen, nur Senfkörner von Gottes Reich. Vieles Menschliche, Allzumenschliche kommt dazu und prägt unser Miteinander. Neben manchem, wunderbar Gelingendem bleiben im Gedächtnis Misstöne und Missklänge.
Gerechtigkeit und Friede und Freude sind die drei großen Worte, die das Miteinander in der Gemeinde bestimmen sollten. Vorwürfe, Unterstellungen, Eitelkeiten und dergleichen mehr gibt es leider ebenso.
Paulus schließt daher mit den Worten: „Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.“
Wie in der Nationalhymne unser ganzes Volk, so sind insbesondere wir Christen aufgerufen, der Einheit und dem Frieden nachzustreben.
Es dient nicht dem Frieden, wenn Kommunen pleite gehen und Problemviertel entstehen, während andernorts Mieten unbezahlbar werden; es dient nicht dem Frieden, wenn Integration nicht auch als Integration in eine freiheitlich-rechtliche Ordnung gelebt und verstanden wird oder wenn Ghetto-Bildung hier und Deutschtümelei dort tiefe Klüfte erzeugen.
Doch sind dies die großen Dinge unserer Politik! Für uns in den Gemeinden gilt: Es darf keiner zum Opfer der anderen werden, keiner ausgenutzt, Gerüchten oder Verdächtigungen ausgesetzt werden. Der Starke trage den Schwachen! Wenn harte Einschnitte anstehen, sollten wir nicht gegeneinander, sondern miteinander nach Lösungen suchen.
Paulus lehnt es ab, für das Reich Gottes Verhaltensmaßregeln und Zugangsbedingungen aufzustellen. Das Reich Gottes ist ein Geschenk; und wir werden hoffentlich einmal alle mit offenen Armen in das Reich des vollendeten Friedens aufgenommen und in den Garten Gottes eingeladen.
Dennoch haben Gebote und Ratschläge für uns auf der Erde auch einen guten Sinn. Wenn wir sie gebrauchen, nicht um uns hervorzutun, sondern mit anderen in Frieden zu leben und mit anderen etwas aufzubauen, dann sind sie gut und richtig. Und wenn auf diese Weise eine förderliche und fröhliche Gemeinschaft erlebbar wird, dann allerdings dürfen wir annehmen, dass Gott selbst mitbaut an dem, was wir miteinander bauen: die Kirche auf das Reich G



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Zuversicht in dunken Zeiten Altjahresabend 2015

Zuversicht in dunklen Zeiten
Pfarrer Dr. Weiling
Predigt zu Römer 8,31-39 (Silvester 2015)


Liebe Gemeinde!
Unser Predigttext für heute steht im Römerbrief, im 8. Kapitel (Verse 31-39). Es ist ein sehr ermutigender Text; in vielen Wendungen wirkt er bis heute - manches klingt sicher vertraut. Der Apostel Paulus schreibt:
31 „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?
32 Gott, der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern für uns alle dahingegeben hat, - wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?
33 Wer will uns beschuldigen? Gott ist hier, der uns gerecht macht.
34 Wer will uns verdammen? Jesus Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist und zur Rechten Gottes; der tritt für uns ein.
35 Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Leid oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Armut oder Gefahr oder Schwert?
36 Es steht zwar geschrieben: `Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.´ 37 Aber in dem allen überwinden wir dennoch durch den, der uns geliebt hat.
38 Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, 39 weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist, unserm Herrn.“

Liebe Gemeinde,
gerade die letzten Verse sind von großer Kraft! Gegen alle Widerstände, gegen Mächte und Gegenmächte, gegen blendende Pracht wie gegen stockfinstere Nacht - ist uns etwas gegeben, was alles übertrifft und alles überwindet. Eine Liebe, von der uns nichts trennen kann. Eine Liebe, die größer ist als alles!
Das ist Mut machend und tröstlich. Darum werden diese Verse besonders auch bei Beerdigungen gesprochen: Sie erinnern daran, dass Tod und Sterben eben nicht allmächtig sind. So bedrängend sie sein mögen, so schmerzend und verstörend –ihnen wird es nicht gelingen, uns zu trennen von Gott. Die Liebe Gottes ist auch am Grab größer und mächtiger, so sehr uns bedrückt, was wir dort sehen und fühlen. Aber Gottes Liebe reicht weiter als wir sehen können, reicht eben über das Grab, das Kreuz und alle irdischen Mächte hinaus.
Jetzt in dieser Nacht tragen wir gleichsam ein ganzes Jahr zu Grabe. Wir nehmen Abschied und lassen in der Rückschau die letzten 12 Monate an uns vorbei gehen. Es war ein Jahr voll verwirrender Nachrichten und schrecklicher Ereignisse. Nicht das Leben, der Tod bestimmte vielfach die Schlagzeilen. Bei dem vorsätzlich durch den Kopiloten verursachten Absturz eines Flugzeugs sterben am 24. März alle 150 Personen an Bord, darunter viele Schulkinder. Am 25. April 2015 kommen bei einem Erdbeben in Nepal mehrere tausend Menschen ums Leben. Bei mehreren Terroranschlägen in Frankreich werden im Januar insgesamt 20 Menschen und im November mehr als 130 Menschen getötet.
Die monströse Grausamkeit des sogenannten „Islamischen Staates“ lässt sich nicht aus religiösen Motiven allein erklären. Es ist ein Kult des Todes, eine Faszination für das Töten, ein Rausch, der dadurch entsteht, dass Menschen sich selbst an die Stelle Gottes setzen. Was dabei herauskommt, ahnt schon der Apostel Paulus, als er von Leid und Angst, von Verfolgung und Hunger, von Armut, Gefahr und Schwert schreibt. Auch das frühe Christentum ist vom Tode bedroht, von Menschen, die sich zu Göttern erklären, von Mächten, die in der Arena Mord und Todschlag verherrlichen.
Die ersten Christen werden verfolgt. Sie werden angezeigt und denunziert. Falsche Zeugen werden gefunden, willfährige Richter. Viele kommen um. Aber dennoch schreibt Paulus: „Wer will uns beschuldigen? Wer will uns verdammen? Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes?“
Er weiß von einer höheren Gerechtigkeit, von einer Liebe, die das alles überwindet. Er ist sich seiner Sache ganz sicher: „Gott liebt mich, ich bin sein Kind und sein Eigentum. Darum kann ich ganz ruhig sein. Auch wenn ich einst wandern sollte im finstern Tal, habe ich kein Unglück zu fürchten. Denn Er ist bei mir.“
Christus ist der große Überwinder. Und das auch heute – selbst im Angesicht von Bomben und Selbstmordattentätern:
Nichts wird uns trennen können von der Liebe Gottes. Denn sie ist größer als der Tod.
Es lohnt sich aber, einmal auch die anderen Begriffe zu beleuchten, die Paulus in die gleiche Reihe mit dem Schnitter stellt, der uns das Leben nehmen, aber dennoch nicht von Gott trennen kann. Neben dem Tod (θάνατος) nennt er überraschender Weise „das Leben“ (ζωή) selbst. Gemeint ist hier aber nicht das Leben an sich, welches ja eine Gabe Gottes ist, ein Geschenk des Schöpfers; sondern das materielle Leben. In der Tat drehen sich unsere Gedanken oft mehr um unser Hab und Gut als um die Liebe Gottes. Aber unser Hab und Gut ist eben nicht Gott. Es ist nicht für die Ewigkeit, es ist sogar mit manchen Ängsten und Sorgen verbunden. Wer sich an sein Hab und Gut klammert, der klammert sich auch an eine Bürde. Sicherheit kann er da nicht erwarten. Vielmehr gilt das, was ich neulich als Refrain im Radio gehört habe: „Es ist wenig was du wirklich brauchst … es lebt sich besser, so viel besser, mit leichtem Gepäck.“ (Silbermond)
Paulus nennt weiter „Engel“ (ἄγγελοι), „Mächte“ (ἀρχαὶ) und „Gewalten“ (δυνάμεις). Das klingt in unseren Ohren poetisch. Und hat auch etwas von kraftvoller Poesie. Aber was ist damit gemeint: Gibt es Engel, die uns von Gott zu trennen drohen? Welche Mächte und Gewalten können uns bedrängen? Gegenwärtige und zukünftige nennt Paulus ...
Ausleger dieser Bibelverse nehmen an, dass der Apostel die geschaffene Welt durchwaltet sieht von bedrohlichen, über- und unterirdischen Mächten. Da treiben auch Engel ihr Unwesen, die mit unserem Bild von Engeln wenig zu tun haben. Es sind gefallene, dämonische Engel, die die Glaubenden auf verschiedene Art und Weise bedrohen. Das Entscheidende aber: Dass auch sie der in Jesus Christus aufgerichteten Liebe unterlegen bleiben! Denn Gott ist der Erste und wird auch der Letzte sein.
Versuchen wir ruhig einmal, diese Sicht der Dinge in unsere Zeit zu übertragen! Wir würden heute wohl nicht mehr von Engeln, von Teufeln und Dämonen sprechen, aber auch wir wissen von mächtigen Verursachern und Lehrmeistern des Bösen. Dazu gehören etwa islamistische Prediger, die Gehirnwäsche betreiben und nützliche Idioten für ihre Sache rekrutieren. Ebenso aber – für unsere eigenen Gewissen vielleicht sogar noch bedrohlicher – diejenigen, die von Vaterlandsliebe und abendländischen Werten faseln, aber gleichzeitig die Stimmung gefährlich anheizen gegen alle Fremden. Es sind Demagogen, die gerne die Meinungsfreiheit für sich selbst beanspruchen, die Vertreter der Pressefreiheit aber angreifen, beleidigen und bedrohen. - Das Böse kann in Menschenherzen ebenso keimen wie das Gute. Es kommt darauf an, was mehr Nahrung erhält. Darum sind gerade die Jungen und Verführbaren sehr anfällig. Sie sehnen sich nach schneller Orientierung und einfachen Wahrheiten. Einfachste Botschaften versprechen einfachste Lösungen. Schwarz-Weiß-Denken befreit von der Notwendigkeit, seinen eigenen Verstand benutzen zu müssen. Dazu wecken Hass, Hetze, Lüge und Aufputschung die Illusion, etwas zu sein, stark zu sein, etwas bewegen zu können.
Man kann nur hoffen, dass diese Mächte und Gewalten, die einerseits sehr „gestrige“ sind, nicht andererseits wieder „zukünftige“ werden. Hier sind wir alle gefordert. Und wir Christen insbesondere, dass wir auch in unserer Zeit dem Glauben treu bleiben, der eben ein Glaube auch daran ist, dass Gott alle Menschen gleich geschaffen und uns dadurch aufgetragen hat, auch die Fremden zu achten. Ist es ein Zufall, dass uns 2015 ausgerechnet dies als Jahreslosung aufgegeben wurde: Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob (Röm 15,7)?
Wer wie ER als Kind auf Heu und auf Stroh geboren wurde, will unsere Herzen dorthin lenken, wo Hilfe nottut. Nicht wo das große Geschrei gegen Fremde und Zuwanderer zu hören ist, sollen wir ihn suchen, sondern dort, wo den Kleinen und Hilflosen wie selbstverständlich die Hand gereicht wird.
Gewiss darf man die Flüchtlingskrise nicht romantisch verklären: Wenn wir in einem Jahr rund eine Millionen Menschen als Asylsuchende in Deutschland aufnehmen, stößt auch guter Wille an Grenzen. Die Voraussetzung für eine Aufnahme sollte daher immer die Bereitschaft des Gastes sein, unsere Grundordnung und verfassungsmäßigen Freiheiten mit anzunehmen. Das Annehmen des anderen ist ja auch in der Jahreslosung eine Sache, die auf Gegenseitigkeit beruht. Ohne Wechselseitigkeit der Akzeptanz wird Eingliederung scheitern.
Es müssen viel stärker als bisher auch die Fluchtursachen bekämpft werden, denn keiner flieht gerne. Nach dem Jugoslawienkrieg in den 1990er Jahren sind viele in ihre alte Heimat zurück gekehrt, seit inzwischen dort Frieden herrscht. Um auch andernorts Bürgerkriege und Armut zu überwinden, ist ein globaler Prozess nötig - ähnlich wie beim Klimagipfel. Die Staaten dieser Welt müssen sich auf ein gemeinsames Handeln verständigen. Wobei die reichen Nationen mit ihren größeren Möglichkeiten selbstredend mehr tun müssen als andere.
Die Bibel sagt uns, dass uns nichts zu trennen vermag von Gottes Liebe. Diese Gewissheit sollte uns in Hinblick auf die irdischen, die vorletzten Dinge sehr viel nüchterner und objektiver machen als wir oft sind, sollte jede Hysterie und Schwarzseherei überwinden, die uns bei den großen Problemen der Zeit befallen:
Eine Rückkehr zum Nationalismus wie in Ungarn oder Polen ist der falsche Weg. Europäische Solidarität kann nicht darin bestehen, dass die einen sich die Rosinen aus dem Kuchen picken, während die anderen die Zahlmeister für alles sind. Skandalös ist es aber auch, wenn im Irak zurzeit das höchste Gebäude der Welt geplant wird, über eine Milliarde Euro teuer. Während gleichzeitig das halbe Land im Bürgerkrieg versinkt und Tausende fliehen, wird dort dem modernen "Goldenen Kalb" ein neuer Turm von Babel gebaut.
Das zeigt wieder einmal: Von den Mächten und Gewalten, die unsere heutige Welt durchwalten, sind die Finanzmächte die wohl mächtigsten, aber auch die am stärksten verschleierten. Man kann sie kaum mit Namen und Gesichtern verbinden. Dennoch haben sie das Sagen in der Welt – mehr als gewählte Regierungen. Getreu dem alten Spruch: „Geld regiert die Welt.“ Kapital fließt dahin, wo es rasch Rendite bringt, nicht dahin, wo es langfristig gebraucht würde.
Trotzdem ist auch diese Macht des Geldes nur eine Scheinmacht, so einfallsreich sich Gier und Geiz auch verhalten. Selbst der Mammon kann und wird sich nicht zwischen uns und Gottes Liebe drängen können, wird nicht trennen können, was doch zusammengehört.
Nichts Hohes, nichts Tiefes, auch kein Geschöpf vermag das, fügt Paulus zum Schluss hinzu. Möglicherweise spielt er auf die Gestirne an, die einmal hoch, einmal tief am Himmel stehen - und von denen seine Zeitgenossen annehmen, dass sie den Lebenslauf beeinflussen. Sterndeuterei gehört weltanschaulich jedoch nicht der Vergangenheit an: Hängen nicht auch viele unserer Zeitgenossen dem Glauben an Sternbilder an? Meinen nicht immer noch Menschen, dass ihre Zukunft dort geschrieben sei?
Paulus durchbricht mit seiner Zuversicht jedweden Fatalismus und jederlei Schicksalsglauben. Weder gesellschaftliche Umstände noch astrologische Berechnungen legen endgültig unsere Wege und Ziele fest. Weder Kaffeesatzleserei noch Tischerücken. Noch nicht einmal körperliche oder seelische Krankheitszustände können die Macht dessen brechen, der in Jesus Christus auf den Plan getreten ist. - Dies vermag kein Geschöpf, so sehr es sich auch gegen seinen Schöpfer auflehnt. Die Liebe Gottes bleibt auf Kurs. Und sie wirkt schon in uns, stärkt uns und trägt uns durch manche Schicksalsschläge hindurch.
Von den Mächten und Mächtigen der großen Weltgeschäfte bis zu den Widerständen im Familiären und Privaten – was sich auch immer gegen Gott stemmt – es wird am Ende unterliegen. Das ist die große Gewissheit des Paulus. Eine Gewissheit, die wir mit ins Neue Jahr nehmen dürfen.
War das alte Jahr 2015 auch überschattet von den Gewalten, die Gott und den Menschen feind sind, so soll und darf das nicht die Zuversicht nehmen. Er, der dich geliebt und versöhnt hat, hört nie auf mit Lieben und Vergeben …
Diese Gewissheit hat wohl keiner so trotzig in Form eines Liedes gebracht wie der Dichter Paul Gerhardt in seinem Lied: „Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich“.



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Liebe-eine christliche Antwort auf Terror 1.Adv.

Predigt zu Römer 13,8-14 (1. Sonntag im Advent)
 Pfarrer Dr. Weiling

Liebe Gemeinde!
Der 1. Advent ist ein besonderer Sonntag. Eine Schwelle wird überschritten. In der Kirche beginnt eine neues Jahr. Vielen ist das sicher nicht mehr geläufig. Den meisten gilt der 1. Januar, Neujahr, als Schwelle zum Neuen. Den Schülern vielleicht noch das neue Schuljahr.
Da fällt es natürlich schwer, in der Kirche gegen den Strich zu bürsten. Und doch ist es sinnvoll, nach dem Ewigkeitssonntag nicht gleich Weihnachten zu feiern. Selbst wenn die Weihnachtsmärkte schon locken.
Denn Advent heißt "Ankunft", "Ankommen" - vergleichbar mit einem ankommenden Zug, der in der Ferne schon zu erkennen ist, aber eben noch nicht eingetroffen. Man kann sich auf den lieben Gast zwar schon freuen, der uns besuchen wird; man kann ihn aber noch nicht in die Arme schließen. Die Adventszeit ist Vorbereitung auf Gottes Kommen. Darum auch die "Bußfarbe" Violett auf unserem Altartuch.
In der bildhaften Sprache unserer Lieder und Gebete begegnet uns das Gegensatzpaar Dunkelheit und Licht. Aus der dunklen Novemberzeit mit dem Gang auf die Friedhöfe geht es dem Licht von Weihnachten entgegen. Aber nur Schritt um Schritt - wie am Adventskranz, denn Vorbereitungen brauchen Zeit. So wie wir für Gäste das Haus putzen, so reinigen wir unsere Herzen für das Ankommen Gottes.
Wie sieht es also aus in mir? Wenn Gott in mir einziehen will, habe ich Platz für ihn? Bin ich bereit?
Der Predigttext für heute will uns helfen, Bilanz zu ziehen. Klar, deutlich und drastisch sagt der Apostel Paulus, worauf es ankommt, auch heute noch. Wir hören aus dem Römerbrief, Kapitel 13, die Verse 8-14:
8 Seid niemand etwas schuldig, außer, dass ihr euch untereinander liebt; denn  wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. 9 Denn was da gesagt ist: »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«
10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.
11 Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.
12 Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.
13 Lasst uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht; 14 sondern zieht an den Herrn Jesus Christus.
 
Liebe Gemeinde!
Die Nacht ist noch da, mit allem, was die Nacht unseres Predigtwortes zur Nacht macht: unser Unvermögen, unsere Gierigkeit, unsere Sorgen. Aber es gibt einen, der uns den Tag anzeigt, einen der darauf hinweist, dass der Morgenglanz bald kommen wird. Es ist Jesus, der Christus. Seine Kraft zieht uns an wie das Licht der Sonne. Deswegen dürfen wir - im Bild gesprochen - aufstehen, getrost und gestärkt. Wir dürfen unsere vorweihnachtliche Hektik ablegen und unsere Betriebsamkeit dämpfen, mit der wir auf den Heiligen Abend zueilen, zurasen, eben weil es einen gibt, der uns sagt, dass der Morgen schon kommen wird - auch ohne unser Hetzen, Gieren, Laufen, Kaufen.
Advent: das ist Leben aus dem Wissen, dass Jesus Christus kommt: ein Gerechter und ein Helfer. Er kommt als Kind in diese Welt, dass sein Reich des Friedens unter uns wachse. Am Horizont dämmert es bereits.
Nicht Resignation, nicht Angst, nicht die Sorgen müssen uns bestimmen. Weil wir wissen, dass Christus kommt. Nicht nur als Christkind alle Jahre wieder in rührseliger Erinnerung. Nein, in Wahrheit kommt uns Christus auch als Auferstandener entgegen, damit diese Welt verwandelt werde in einen neuen Himmel und eine neue Erde, in der Gerechtigkeit wohnt.
Ein Adventsmensch glaubt das - gegen jeden Augenschein. Trotz der allgegenwärtigen Finsternis und der Macht des Bösen.
Keiner kann es leugnen: Der Terror ist uns nahe gerückt. Er findet direkt vor unserer eigenen Haustür statt. Es gibt fast keine Nachrichten mehr ohne Bilder der Verwüstung. Das verunsichert. Wir fragen uns: Wie sollen wir das seelisch verkraften? Wie sollen es unsere Kinder verarbeiten?
Ob die Seele so etwas verkraften kann oder nicht, hängt davon ab, wer zuletzt gewinnen wird. Es geht hier um die Frage: Wer wird zuletzt bestimmen, was aus dieser Welt wird? Werden zuletzt die Kräfte gewinnen, die Chaos und Verwüstung anrichten? Werden Vergänglichkeit, Zerstörung und Tod alles besiegen? Oder wird Gott sich irgendwann durchsetzen und seine Gerechtigkeit überall und endgültig verwirklichen? Wird Gott gewinnen?
Die Botschaft der Bibel ist eindeutig: Gute Zeit, helle Zeit kommt! Es ist Gott selbst, der sich auf den Weg hinunter auf unsere dunkle Erde macht, um aller Finsternis zum Trotz seine Weihnachtslichter anzuzünden. Er kommt, um sich selbst denen, die ihn geschäftig vergessen wollen, in Erinnerung zu rufen.
Sei kein Abendmensch, der nur noch Resignation und böse Erwartung kennt!
"Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. Die Stunde ist da, aufzustehen vom Schlaf", sagt die Bibel. Mit anderen Worten: Sei ein Morgenmensch! Wisse, dass ein Befreiungstag ansteht, an dem die Erde von allen Tyrannei befreit wird! Bezeuge diesen Tag mit Gebet, mit Lobgesang und mit Wachsamkeit! Vertiefe Dich in das Geheimnis, wie Gott zur Welt kommen will - auch in Dir!
Vor allem: Sei besonnen und liebevoll! Denn die Liebe, die von der Fülle des kommenden Heils austeilt, ist die einzig angemessene Reaktion auf die Botschaft vom Advent Gottes.
Der Franzose Antoine Leiris hat bei den fürchterlichen Anschlägen in Paris seine Frau verloren. Als junger Witwer ist er mit dem gemeinsamen Kind nun allein zurück geblieben. In einem offenen Brief wendet er sich an die Islamisten: “Vous n’aurez pas ma haine”. "Ihr bekommt meinen Hass nicht! Wenn dieser Gott, für den ihr blind tötet, uns nach seinem Bild geschaffen hat, dann muss jede Kugel, die meine Frau getroffen hat, eine Wunde in sein Herz gerissen haben. Nein, ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen. Auf den Hass mit Wut zu antworten würde bedeuten, derselben Ignoranz nachzugeben, die euch zu dem gemacht hat, was ihr seid. Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger mit misstrauischem Blick betrachte, dass ich meine Freiheit der Sicherheit opfere. Selbstverständlich frisst mich der Kummer auf, diesen kleinen Sieg gestehe ich euch zu, aber er wird von kurzer Dauer sein."
Und weiter schreibt Leiris: "Ich weiß, dass die Liebe meines Lebens, die Mutter meines Kindes uns jeden Tag begleiten wird und dass wir uns im Paradies der freien Seelen wiedersehen werden, zu dem ihr niemals Zutritt erhalten werdet - Nous nous retrouverons dans ce paradis des âmes libres auquel vous n’aurez jamais accès."
Das ist die Antwort der Liebe auf den Terror. Das ist wahres Christentum. Das ist biblisch.
Sei liebevoll! Sei der Liebe voll! Gedenke der Liebe, die Gott dir schenkt! Lass seine Liebe in dir Raum gewinnen! Nur ein Leben in Liebe entspricht der Wahrnehmung der Morgenröte Gottes.
Aus dieser Wahrnehmung Gottes überwinden wir das Böse. Auch das alltäglich Böse und das Böse in uns selbst: Wenn einer schlecht mit dir umgeht, glaube an dein inneres Leuchten, das du von Gott hast! Wenn dich einer ausschimpft, akzeptiere dein Quantum Versagen, doch glaube dir deine Unverletzlichkeit bei Gott!
Wenn du dir nicht leisten kannst, was dein Herz begehrt, dann verhandle mit deinen Wünschen! Du bist doch viel mehr wert, als was du im Geldbeutel hast!
Lieber zu Fuß, aber fröhlich, lieber auf kleinem Raum als verschuldet, lieber gütig als besessen, lieber schenkend, als geizig.
Ein irisches Sprichwort sagt: "Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich!"
Wir könnten auch sagen: "Wende dein Herz der Liebe zu, und du kannst deine Schatten loslassen! Blicke in das Licht der Liebe, und das Negative rückt an den Rand."
Die Liebe ist der Schlüssel zu allen Geboten. "Denn was da an Geboten ist", sagt der Apostel, "das wird in diesem einem Wort zusammengefasst: Liebe!"
Indem wir allein Gott Gott sein lassen, seinen Namen loben und nicht missbrauchen, uns den Tag der Ruhe gönnen, um die Freiheit zu feiern, zu der er uns bestimmt hat - indem wir das tun, lieben wir Gott. Und wir bezeugen es auch allen anderen: Wir gehen Gott entgegen. Gott ist unser Heil! In der Welt ist viel Angst, aber er hat die Welt überwunden. Das feiern wir jeden Sonntag.
Diese Liebe zu Gott aber ist tot ohne Liebe zu den Mitmenschen und Mitgeschöpfen.
Zwei jüdische Gelehrte unterhalten sich darüber, wann der Tag beginnt. Der eine sagt: "Der Tag beginnt, wenn man einen schwarzen und einen weißen Faden unterscheiden kann." - "Nein", sagt der andere: "Der Tag beginnt, wenn du das Gesicht deines Nächsten erkennen kannst." Eine Anekdote - wie auf unseren Text gemünzt: Wir erkennen den Tag im Gesicht des Nächsten. Wir lassen den Tag Gottes dämmern, wenn wir sein Gesicht im anderen wahrnehmen, wenn uns nicht mehr Gleichgültigkeit oder Hass bestimmen, sondern Mitmenschlichkeit.
Das vierte bis zehnte Gebot zielen auf die praktische Ausführung dieser Mitmenschlichkeit und Liebe. Sie fordern uns dazu auf, dass wir nicht übereinander herfallen, blind dem Herdentrieb oder einer Hackordnung folgen, sondern behutsam, rücksichtsvoll, achtsam, hilfsbereit miteinander umgehen. Schließlich können schon morgen die heute Starken die Schwachen, die heute Gesunden die Kranken, die heute Fröhlichen die Traurigen sein.
Nichts als Liebe - das ist die Botschaft, die der Advent ansagt. Der Apostel Paulus spart aber nicht aus, dass unter den Menschen zurzeit noch viel anderes angesagt ist - das Gegenteil von Liebe: Fressereien und Saufgelage, heimliche Liebesabenteuer und Ausschweifungen, fanatisches Herumstreiten und unguter Ehrgeiz - um es in heutigen Worten zu sagen.
Ständig kommen neue Skandale und heimliche Vergehen ans Licht, von der Fußballlegende bis hin zum Konzernchef. Wer lebt heute noch wirklich "ehrbar wie am Tage"? Gefressen wird, was das Zeug hält. Für das Fremdgehen gibt es die entsprechenden Seiten im Internet. Und von Hader und Eifersucht leben ganze Heerscharen von Juristen.
"Liebe Gott, liebe deinen Nächsten! Tue das und du wirst leben!" Das ist kurz und bündig die Devise des adventlichen Menschen. Berührt von der Morgenröte Gottes legt er ab, was zur Nacht gehört: Seine Trägheit und seine Rücksichtslosigkeit, seine Verzagtheit und seine Überheblichkeit, seine Unversöhnlichkeit und seine Lieblosigkeit.  
Die Liebe wird ihm zum Schlüssel aller Gebote Gottes. Das nehme man bitte nicht leicht! Es ist doch einfacher gesagt als getan. Denn da kann es sogar sein, dass wir einmal gegen den Wortlaut eines Gebotes handeln müssen, um es dem Sinn nach zu erfüllen. Ist einer Polizist oder Soldat, so mag er im Extremfall sogar das fünfte Gebot brechen müssen, wenn er anders die Finstermänner der Gewalt nicht am Töten hindern kann. Er tut es aus Liebe zu den Menschen, die ihm anbefohlen sind.
Ein armer Mann mag auch das siebte Gebot brechen und stehlen in der Not, wenn er anders seine Familie nicht mehr ernähren kann.
Aber Liebe ist immer - nicht auf Böses aus! Der Mörder tötet einen Menschen aus Habgier oder niederen Beweggründen. Wer hingegen aus Notwehr töten muss oder in einer Nothilfe-Situation, der will ja nicht das Böse, sondern will Böses hindern. Das ist sein Vorsatz. Nicht der Hass. Nicht die Gier.
Der sogenannte "Islamische Staat" verherrlicht Mord als seine Moral. Wir verherrlichen die Liebe. Daher ist ein Islamist in unseren Augen vollkommen gottlos. Er wird – ebenso wenig wie ein überzeugter Rassist - nicht vorkommen können in Gottes Zukunft. Jedenfalls nicht ohne vollkommene Abkehr von all dem Unheil, was ihm jetzt heilig ist. Das ist meine feste Überzeugung. Wo keine Liebe in einem Menschen ist, da hat er keinen Morgen und keinen Gott.
So ist die Liebe der Schlüssel und unser Wegweiser im Advent. Christen sollen Adventsmenschen sein. Adventsmenschen sollen Morgenleute sein. Morgenleute sollen die Nacht zurücklassen und sich auf das Kommen des Lichtes vorbereiten. Die Liebe sei immer und ewig unser Vorsatz. Sie bekommen unseren Hass nicht!



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Gott weiht sich uns! Er braucht keine Gotteskriege

Gott weiht sich uns! Er braucht keine Gotteskrieger
Predigt am 24. Dezember 2016, Joh. 3, 1-21 in Auswahl

Parrer Dr. Weiling

Wir sind heute beisammen, um miteinander den Heiligen Abend zu begehen, die Heilige oder auch geweihte Nacht, Weihnacht. Unsere Lesungen und Liedern erinnern uns an diese besondere Nacht, in der Gott auf die Erde zu uns Menschen kam und sich uns in Jesus Christus selber schenkte. Eine einmalige Nacht. Die Nacht von Bethlehem. Denn dergleichen hatte es zuvor nie gegeben. Als Jesus dann größer wurde, gab es zwischen den Tagen noch manche weitere Nacht und manch wunderbaren Abend. Wir denken an den Abend am See, als er viele hundert Menschen satt machte, indem er fünf Brote teilte und zwei Fische. Wir denken an die Nacht, in der er seinen Jüngern den Kelch reichte und das Brot, worin er immer bei ihnen bleiben würde. Wir denken an die wunderbare Nacht seiner Auferstehung. Auch dergleichen hatte es nie zuvor gegeben.
Eine Nacht noch wäre zu nennen, die gewiss weniger bekannt ist. Eine Nacht im Verborgenen. Eine Nacht heimlicher Begegnung. Von dieser Nacht handelt der für heute ausgesuchte Predigttext aus dem Evangelium des Johannes, aus dem dritten Kapitel, von einer Nacht in Jerusalem:

1 Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern, namens Nikodemus, ein Oberster der Juden. 2 Dieser kam des Nachts zu Jesus und sprach zu ihm: Rabbi… 4 Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Er kann doch nicht zum zweiten Mal in seiner Mutter Schoß gehen und geboren werden?
5 Jesus aber antwortete: … 16 Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.
18 Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon durch sich selbst gerichtet, weil er nicht geglaubt hat an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.

Liebe Gemeinde!
Wir feiern Weihnachten: Geweihte Nacht. Es gibt Nächte in den Bergen oder am Meer, in denen wir den Sternenhimmel bewundern, der so aussieht, als hätte jemand in großer Verschwendung Goldstaub ans Firmament geschleudert. Nächte, in denen sich unser Gemüt mit Bewunderung und Ehrfurcht über den gestirnten Himmel erfüllt (wenn man ihn denn sehen kann). Ja, es gibt solche Nächte, da erahnen wir Menschen plötzlich, wie kostbar unser Leben ist! Da wissen wir uns ganz eins mit dem Universum. Es gibt Nächte, da sehen wir zwischen Wachen und Träumen mitunter ganz klar, was zu tun und zu lassen, was richtig und was falsch ist. Wie gerne hätten wir dann gerade Papier und Stift zur Hand, um den klaren Gedanken, der in unseren Geist gekommen ist, auch aufzuschreiben und festzuhalten!
Für Nikodemus aber, von dem wir gerade gehört haben, wird eben die Nacht seines Gesprächs mit Jesus zu solch einer ihm geweihten Nacht, die er niemals vergessen wird. Zu einer Nacht, in der er in besonderer Weise zugegen ist, in der ihm etwas eröffnet und zugeeignet wird, vielleicht sogar zugemutet, eine Nacht, deren Überlieferung uns eine Vorstellung davon gibt, was überhaupt mit einer »Heiligen Nacht« gemeint sein könnte.
Nikodemus, so erfahren wir, ist Pharisäer und Angehöriger des Hohen Rates. Er hat sich - wie kommt er sonst auf solche Fragen! – wochenlang auf dieses Gespräch vorbereitet. Seine Probleme lassen ihn nicht mehr schlafen. Er ist gestresst. Und so eilt er in tiefer Nacht – heimlich und in der Hoffnung, nicht gesehen zu werden – durch die Gassen von Jerusalem und bittet Jesus um ein Gespräch.
Diese Nacht wird seine Nacht, eine Nacht von Einsichten, Entdeckungen - und neuen Fragen: »Wie kann ein Mensch neu geboren werden, auch wenn er schon älter ist?« Und Jesus erklärt ihm das Geheimnis des ewigen Lebens, das für Nikodemus jetzt, in der Gegenwart, in dieser Nacht, beginnt.
»Weißt du, sagt er zu Nikodemus, Gott liebt diese Welt so innig, dass er so weit ging, seinen einzigen Sohn in diese Welt zu geben, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern ewiges Leben haben. Gott hat also seinen Sohn nicht in diese Welt gesandt, um euch Menschen zu verdammen, sondern um euch vom Tod zu erretten. Wer sein Leben auf ihn gründet, hat kein Urteil mehr zu fürchten, das sein Leben infrage stellen könnte. Der Mensch hat nur sein eigenes Urteil zu fürchten. Denn wer sein Leben ohne Vertrauen zum Vater im Himmel führt, der spricht sich selbst das Urteil, indem er lieblos lebt, in einer kalten Welt lebt, so als gäbe es die Liebe Gottes gar nicht.«
Die Frage, die Nikodemus in der Nacht durch die einsamen Straßen treibt, gehört zu denen, die uns den Schlaf rauben: Kann ich Neues, Anderes, Besseres? Kann ich noch mehr erwarten vom Leben? Oder war das schon alles? Und wenn ich schon nicht neu auf die Welt kommen kann: Werden die kommenden Jahre besser werden als die vergangenen? Werden sie eine Wende bringen? Werden sie mehr sein als eine Wiederholung immer des Selben?
»Sprachst du nicht von Wiedergeburt?« Nikodemus nimmt das Gespräch wieder auf. »Wenn's das doch wirklich gäbe! Ich würde vieles anders machen, manches anders entscheiden, anders leben, andere Schwerpunkte im Leben setzen.«
Wir möchten in das Seufzen des Nikodemus gern mit einstimmen. Ja, das wäre schon etwas, wenn man noch einmal neu anfangen könnte! Ganz neu. Durchs Leben reisen ohne allen Ballast. Ein leichteres, einfacheres Leben! Ereignet sich dergleichen für Nikodemus?
Die Bibel lässt es offen. Ganz bewusst erzählt sie eine Geschichte mit offenem Ende. Denn wir erfahren nicht, wie diese Nacht ausgeht, ob sofort persönliche Entscheidungen fallen oder ob gar Tränen fließen. Später hören wir davon, dass Nikodemus ein heimlicher Jünger von Jesus geworden sei. Angeblich habe er sogar ein eigenes Evangelium geschrieben. – Eine unvergessliche Nacht wird es also schon gewesen sein! Der fromme Mann muss auf eine ganz neue Spur gesetzt worden sein, als Jesus ihn fragte:
»Wie bist du nur so besorgt um dein Leben? Was wäre, wenn das Leben, das du führst, plötzlich nach Ewigkeit schmeckte und ab jetzt die Gegenwart erfüllte Zeit würde? Verkläre nicht das Vergangene und weine nicht vertanen Chancen hinterher! Du bist ein guter Lehrer Israels und verstehst eine Menge von der heiligen Schrift. Aber wann fängst du an, deinen Glauben auch zu leben? Du musst begreifen: Unsere Religion, der Glaube an den Gott der Bibel, besteht nicht im Grübeln über das Verstehen von Texten, sondern in der Erfahrung der Liebe. Glaube meint nicht Fürwahrhalten von Sätzen und Worten, das Halten von Festen und Fastenzeiten, bestimmte Rituale, Waschungen und Gebetshaltungen. Sondern Glaube bedeutet Vertrauen. Im Klartext: Ob dir das recht ist oder nicht, Nikodemus: Gott hat ein unzerstörbares Verhältnis mit dir. Glaube mir das und du kannst beruhigt schlafen gehen.«
Wir, liebe Gemeinde, sollten das als Worte auch an uns hören. Und die heutige Nacht, Weihnachten, in diesem Sinne feiern: als eine uns geweihte Nacht, als ein Fest des Glaubens, dass Gott sich uns geweiht hat und jeden Tag, jede Stunde mit jedem Einzelnen verbunden ist. Weihnachten ist ja im Kern dieses: Die Begegnung Gottes mit uns Menschen! Er geht eine Beziehung mit uns ein, wie sie sich enger nicht denken lässt. Darum erzählen wir in dieser Nacht von gleichermaßen bedürftigen wie von gewöhnlichen, von bedächtigen wie von aufgeschreckten Menschen, denen er nahe kommt und die seine Gegenwart spüren: Weise Männer begeben sich auf die Suche nach einem neuen König - und werden dabei von einem guten Stern geleitet. Zwei Menschen von vielen werden ungefragt umher geschickt wie syrische Flüchtlinge - und wachsen umso fester aneinander: Joseph bleibt bei seiner Frau Maria. Sie, hochschwanger, weiß mit ihrem Kind nicht wohin - und erlebt, wie andere es für den Heiland der Welt halten. Ein junges Paar wird unter schwierigsten Bedingungen zu Eltern und macht ausgerechnet in einem zugigen Stall die Erfahrung, von Hoffnung und Liebe leben zu können.
Weihnachten erzählt von der Nacht, in der Gott sich den Menschen weiht, damit Menschen aufhören, ihr Leben irgendwelchen Götzen, Gütern oder einer Ideologie zu weihen. Ja, Gott weiht sich uns, damit wir uns nicht Gott weihen müssen.
Ist das vielleicht der tiefste Grund dafür, dass Islamisten Weihnachten hassen, es verbieten wollen, Anschläge ausgerechnet auf Weihnachtsmärkte verüben? Die Bilder stehen uns noch nah und deutlich vor Augen. Wir trauern um die unschuldigen Opfer.
Wir Christen glauben, dass Gott sich uns geweiht hat. Sich ganz klein für uns gemacht hat, damit wir nicht groß vor ihm dastehen müssen. Er wird Mensch, einer von uns.
Daher der Hass des sogenannten Islamischen Staates und seiner Handlanger auf das christliche Fest: Wenn Islamisten sich Gott weihen und ihr Leben wegwerfen, dann brauchen sie keinen liebenden Gott, der sich uns hingibt und schenkt. Nein, sie brauchen das gerade Gegenteil: eine imaginäre Größe, die sie selbst aufwertet und ihr sinnloses Tun glorifiziert. Unbewusst setzen sie selbst damit an die Stelle Gottes. Sie sind vermessen - und merken es nicht. Selbstgefällig.
Wir aber sagen: Gott braucht keine Krieger! Alle Gotteskrieger sind in Wahrheit Gottes Feinde, weil sie seine Menschenliebe verachten. Wir sagen: Hört auf, euch einem »Gott« zu weihen, der die Menschen hasst! Werft nicht euer Leben weg für ihn und opfert nicht das anderer!
Werft euch doch stattdessen voller Zuversicht in das wirkliche Leben hinein, das durch die Liebe Gottes zu uns ein gültiges, ein wertvolles, ja ein ewiges Leben ist! Gott braucht keine Helden. Er liebt Gescheite wie Gescheiterte, Reiche wie Arme. Kleine wie Große. Männer wie Frauen. Weiße wie Schwarze. Pakistaner, Syrer, Franzosen, Polen, Italiener - alle Nationen.
Gott weiht sich uns! Er widmet uns seinen Sohn. Und wir haben in ihm das ewige Leben. Wir müssen es uns nicht erst mühselig verdienen oder ihm eine Schau abliefern. Aber wir können und dürfen uns von seiner Liebe ruhig anstecken lassen: Zum Beispiel, indem wir uns am Weihnachtsabend beschenken. So wie er es getan hat: Ohne Hintergedanken und ohne Vorbedingungen. Aber auch, indem wir auf Hass nicht unsererseits mit Hass antworten. Uns nicht verunsichern und nicht auseinander treiben lassen. Hetze nicht zulassen und zusammenhalten. Besonnen bleiben.
Denn also hat Gott seinen Sohn in die Welt gesandt, dass wir uns nicht hassen, sondern lieben sollen.



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